Yanyan Zhou ist Dolmetscherin/ Übersetzerin Chinesisch-Deutsch und Beobachterin interkultureller Dialoge. Sie hatte im Mai an zwei Veranstaltungen des Projekts «Mensch + Kirche Zug 2035» teilgenommen und hatte sich dort sehr wohl gefühlt. Gemeindeleiter Bernhard Lenfers liess sie einen persönlichen Text zukommen, den wir hier zusammenfassen und auszugsweise wiedergeben.

An einem milden Frühlingsabend schlenderte ich zufällig an der St. Johannes Kirche in Zug vorbei, als mein Blick an einem Schaufenster hängen blieb.
Zu meiner Überraschung entdeckte ich dort Kapitel 8 aus dem Daodejing – auf Deutsch und in meiner eigenen chinesischen Übersetzung – sorgfältig im Fenster ausgehängt. Ich blieb stehen, las die Zeilen mehrfach – und verspürte ein tiefes Gefühl der Vertrautheit.
Dass eine christliche Kirche einen Text aus der daoistischen Tradition öffentlich sichtbar macht – und dabei auch die chinesische Sprache einbezieht –, ist mehr als eine Geste: Es ist ein Zeichen für Offenheit, Respekt und interkulturellen Dialog.
Diese Szene rief in mir Erinnerungen an zwei eindrückliche Veranstaltungen wach, die ich kürzlich in Zug erlebt habe: das Austauschtreffen am 13. Mai und den Workshop vom 21. Mai 2025. Beide sind Teil des Projekts «Mensch + Kirche Zug 2035», das seit 2024 neue Wege kirchlichen Miteinanders erprobt.
Ein Abend der Begegnung – zwischen Kulturen und Generationen
Am 13. Mai war ich zu Gast im Pfarreizentrum St. Johannes. An diesem besonderen Abend versammelten sich Menschen unterschiedlichster Herkunft und Altersgruppen: Jugendliche, Seniorinnen, Schweizerinnen, Migranten und Expats wie ich. Der Raum war erfüllt von Offenheit, Neugier und gegenseitigem Respekt.
Gleich zu Beginn stellte Regula Grünenfelder die zentrale Frage: «Wie soll die Kirche sein?» – eine Einladung zum Nachdenken und zur Mitgestaltung. Die Antworten waren so vielfältig wie die Teilnehmenden: ein Café für Einsame, ein Garten der Stille zwischen den Gräbern, ein Proberaum für junge Bands.
Besonders berührte mich der Moment, als Gemeindeleiter Bernhard Lenfers Grünenfelder aus dem Werk Der Fliessweg von Balts Nill und David Steindl-Rast vorlas – eine poetische Brücke zwischen christlicher Spiritualität und der Weisheit Laozis. Hier ein Auszug aus der frei übersetzten Fassung von Kapitel 8 des Daodejing:
Gutes wirkt wie Wasser:
stimmt das Grundstück, gelingt das Bauen,
stimmen die Grundsätze, gelingt das Denken,
stimmt die Absicht, gelingt das Geschäft,
stimmt der Gedanke, gelingt das Reden,
stimmt das Recht, gelingt das Gesetz,
stimmt das Handwerk, gelingt die Arbeit, stimmt der Augenblick, gelingt das Handeln.
Wo sich niemand verstrickt, gibt’s auch keine Knoten.
Diese uralten Worte sind heute aktueller denn je. Sie erinnern daran, wie wichtig es ist, mit der Zeit zu fliessen – mit Geduld, Klarheit und im Dialog.
Am Ende der Austauschsitzung bat mich Bernhard, diese Passage ins Chinesische zu übersetzen. Ich war tief bewegt – als Chinesin in der Schweiz wurde ich eingeladen, meine Perspektive einzubringen, meine Sprache mit der ihren zu verweben. Heute sehe ich diese Übersetzung im Fenster der St. Johannes Kirche – und empfinde grosse Dankbarkeit.
Kirche als gemeinsamer Raum – auch für die Zukunft
In einem Land wie der Schweiz, das von Mehrsprachigkeit und kultureller Vielfalt geprägt ist, ist es ein starkes Zeichen, wenn auch andere spirituelle Traditionen innerhalb eines kirchlichen Rahmens sichtbar werden dürfen. Die Kirche ist mehr als ein Ort des Glaubens – sie ist ein Raum der Menschlichkeit und des Dialogs, der Menschen über Grenzen hinweg verbindet.
Das zeigte sich auch beim Workshop am 21. Mai mit dem Titel «Lebendiger Raum». Die Schweizer Firma Kukuk begleitete den partizipativen Prozess, bei dem Kinder, Jugendliche und Erwachsene ihre Visionen für den Eingangsbereich von St. Johannes in Skizzen und Modelle übersetzten. Mit Begeisterung wurde gebaut, gezeichnet und diskutiert: über Orte der Ruhe, über Räume der Begegnung, über eine Kirche, die einlädt statt ausschliesst.
In diesen Ideen zeigt sich ein zutiefst menschliches Bedürfnis: nach Nähe, Austausch und Sinn. Dieses Projekt macht deutlich, dass Kirche nicht nur Vergangenheit bedeutet – sondern gelebte Zukunft. Und dass Dialog möglich ist, wenn Menschen bereit sind, einander zuzuhören.