Tanya Raab ist 24 Jahre alt, Studentin und Jüdin. Auf ihrem Instagram-Profil @oy_jewish_mamma bietet sie Einblicke in den jüdischen Alltag in Deutschland und stellt zugleich gesellschaftliche Missstände an den Pranger. Der zweite Teil der Sommerserie zum Phänomen religiöser Influencerinnen stellt die junge und mutige Frau vor.
Wer das Instagram-Profil @oy_jewish_mamma aufruft, begegnet einer jungen Frau mit farbenfrohen Kleidern, einem offenen Lächeln – und einer Kippah auf dem Kopf. Ein Anblick, der selbst für viele jüdische Menschen ungewohnt ist, denn traditionell tragen diese Kopfbedeckung nur Männer. Doch Tanya Raab trägt sie bewusst als Zeichen ihrer religiösen Identität. Die 24-Jährige studiert Lehramt in den Fächern Deutsch und Russisch und steht kurz vor dem Berufseinstieg als Lehrerin. Nebenbei betreibt sie ein scharfsinniges Instagram-Profil. Dieses nutzt sie nicht zur Selbstinszenierung, sondern um eine marginalisierte Perspektive sichtbar zu machen. Antisemitismus ist in Deutschland ein gravierendes Problem, besonders seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023. Tanya Raab ist sich der Gefahr bewusst –dennoch postet sie immer neue Beiträge.

Jüdisches Leben sichtbar machen
Die 24-Jährige nutzt Instagram, um jüdisches Leben zu zeigen und dadurch Vorurteile in der Gesellschaft abzubauen. Hierzu sagt sie: «Ich finde, deutsche und jüdische Menschen haben ein extrem belastetes Verhältnis. Ich möchte, dass sich beide annähern.» So wolle sie Verständnis fürs Judentum und jüdisches Leben schaffen . Ausserdem nutzt sie Instagram, um über Antisemitismus aufzuklären, zum Denken und Reflektieren anzuregen. «Ich glaube, wir sind oft antisemitisch sozialisiert und uns dessen gar nicht bewusst. Mir ist wichtig, dass man darüber reflektiert und spricht, weshalb wir bestimmte Vorurteile haben», sagt Tanya Raab. Des Weiteren hat sie erkannt, dass es nur wenige Menschen gibt, die über jüdisches Leben berichten, und sieht darin ihr Alleinstellungsmerkmal. Durch ihre Inhalte möchte sie ein Gegengewicht zu oft klischeehaften und unzureichenden Darstellungen schaffen, die häufig in Lehrbüchern und anderen Medien vorkommen. Deshalb stellt sie auf ihrem Profil Unterlagen für Schulen zur Verfügung. Wie kann man sich einen Post von Tanya Raab vorstellen?
Vorurteile hinterfragen
Einer ihrer mittlerweilen gelöschten Posts zeigt die jüdische Influencerin, in einer Toilettenkabine an ihrer Universität in Potsdam und trägt ihre Kippa. Im Begleittext unterhalb des Fotos, erzählt sie auf Instagram von den antiisraelischen Demonstrationen an der Uni und dem damit verbundenen Antisemitismus. Der kommunikative Zweck ist es, Aufmerksamkeit der betrachtenden Person zu erregen: Warum sitzt diese junge Frau traurig in der Toilette? Was ist passiert? Betrachterinnen und Betrachter des Fotos sollen sich genau solche Fragen stellen und sich dadurch mit dem Thema Antisemitismus auseinandersetzen.
Zwischen Dialog und digitalem Risiko
Zahlreiche Userinnen und User verfolgen Tanya Raabs Posts auf Instagram: Einige konsumieren ihre Inhalte, andere kommentieren oder teilen sie – oft mit persönlichen, berührenden Nachrichten. Doch auch extremistische Gruppierungen beobachten sie, missbrauchen ihre Inhalte oder bedrohen Tanya Raab. Tanya Raabs Präsenz im Netz ist damit nicht nur ein Akt der Aufklärung, sondern auch des Widerstands.
HINWEIS
Der Artikel bezieht sich auf die Bachelorarbeit «Religiöse Influencerinnen auf Instagram», einer Qualifizierungsarbeit der ehemaligen ZHAW-Studentin Melanie Schnider.