Am Auffahrtstag sind Einsiedeln und das Kloster fest in Zuger Hand. Von längeren Pilgerrouten quer durch die Kantone und die Nacht oder kürzeren Wegen tagsüber treffen beinahe im Stundentakt kleinere und grössere Pilgergruppen ein. Die Studentenkapelle ist ebenso im Stundentakt mit Gottesdiensten von Pfarreien oder Kindergottesdienst besetzt.

Im Jubiläumsjahr gilt der Fokus einzelnen Pilgerinnen oder Pilgern.
Arnold Landtwing hat spontan einzelne Personen angesprochen und befragt. Die Antworten zeigen, wie wertvoll und gemeinschaftsbildend die alte Tradition des Pilgerns in der heutigen Zeit ist.
Traditionell gehören die Jugendlichen der Pfadi Menzingen zu den ersten und feiern jeweils morgens um 6.30 Uhr den ersten Gottesdienst in der Gnadenkapelle. Auf die Frage nach den erlebten Wetterbedingungen in der Nacht antwortet ein Pfädeler mit einem Schulterzucken: «Wasser, das oben hineinläuft, läuft unten auch irgendwo wieder hinaus.»
Pilger kommen im Stundentakt
Bei ihrer Ankunft in Einsiedeln sind die gutgelaunten und zahlenmässig beeindruckenden Pilgergruppen der Pfarreien nicht zu übersehen. Ab neun Uhr morgens geben sie sich in der Studentenkapelle des Klosters die Klinke in die Hand, um dort Gottesdienst zu feiern.
Zu den Rekordhaltern unter den Pilgerinnen und Pilgern dürfte Josef Strickler mit seinen Kindern und Enkelkindern gehören. Einen Teil der generationenübergreifenden Pilgergruppe von gut 20 Familienmitgliedern habe ich auf dem Klosterplatz angetroffen.
Eine schöne Begegnung ergibt sich auch mit zwei langjährigen Freundinnen. Auf die Frage, weshalb sie die lange Fusswallfahrt auf sich genommen haben und was sie dabei erlebt haben, schildern Sibylle Portmann und Andrea Betschart, wie das gemeinsame Unterwegssein für sie eine spezielle Bedeutung hat: Die beiden Frauen pflegen so den Austausch und stärken ihre Freundschaft.
Ein Glückstreffer ist zudem das Gespräch mit Severin Maier: Die Erfahrung einer Wallfahrt war für ihn neu und er hat den langen Weg durch die Nacht zum ersten Mal unter die Füsse genommen. Er ist allein gestartet und hat später eine Gruppe getroffen, mit der er weitergepilgert ist.
Wie der Weg das Herz öffnet
Unter den Ankömmlingen in Einsiedeln sind auch Pilger, die schon diverse andere Wallfahrten hinter sich haben: Ernst Merz und sein Freund Theo Biedermann haben die ganzen 2'300 Kilometer des Jakobsweges vom Bodensee bis nach Santiago de Compostela etappenweise zurückgelegt. Grund genug, die beiden bei ihrer Ankunft in Einsiedeln zu treffen. Sie erzählen, wie sie beim Pilgern und in der Stille der Natur auftanken können.
Spannend zu wissen, wäre, wie viele Pilgerinnen und Pilger der Jubiläumswallfahrt einer anderen als der katholischen Konfession angehören. In den Begegnungen vor Ort habe ich in grosser Selbstverständlichkeit und Offenheit verschiedenste Bekenntnisse angetroffen, bis hin zu jemandem, der sich als agnostisch bezeichnet.
Keine Frage der Zugehörigkeit ist die Begegnung mit Verena Gysin Felber, ihres Zeichen Kirchenrätin der Reformierten Kirche Zug. Sie ist mit einer von den Reformierten organisierten Gruppe nach Einsiedeln gepilgert – in der selbstverständlich auch katholische Glaubensgeschwister mit dabei waren.
Vor Ort ist nicht zuletzt eine Art «Profi» in Sachen Pilgern: Der reformiert Pilgerbegleiter Martin Gross will aus Respekt Teil der 600-jährigen Tradition sein.
Neue Standeskerze entzündet
Die Bedeutung der Wallfahrt bringt schliesslich Landamman Andreas Hostettler beim Entzünden der neuen Standeskerze auf den Punkt: «Sie steht für 600 Jahre gelebte Tradition, die immer noch lebendig ist und weitergeht.»
Text und alle Porträtfotos: Arnold Landtwing
Hier geht es zum Artikel Neue Standeskerze und Bundesrat ehren Zuger Jubiläumswallfahrt
Ankommen
Leise bin ich angekommen.
Nicht am Meer.
Nicht auf dem Berg.
Nicht woanders,
sondern hier.
In mir.
Ankommende Pilgerinnen und Pilger (Text und Foto: Arnold Landtwing)