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«600 Jahre gelebte Tradition, die weitergeht»

Am Auffahrtstag sind Einsiedeln und das Kloster fest in Zuger Hand. Von längeren Pilgerrouten quer durch die Kantone und die Nacht oder kürzeren Wegen tagsüber treffen beinahe im Stundentakt kleinere und grössere Pilgergruppen ein. Die Studentenkapelle ist ebenso im Stundentakt mit Gottesdiensten von Pfarreien oder Kindergottesdienst besetzt.

Zahlreiche Pilgergruppen aus dem Kanton Zug nahmen am Auffahrtstag den Weg ins Klosterdorf auf sich: im Bild die Pfarrei Walchwil (Foto: Benjamin Meier)

Im Jubiläumsjahr gilt der Fokus einzelnen Pilgerinnen oder Pilgern.
Arnold Landtwing hat spontan einzelne Personen angesprochen und befragt. Die Antworten zeigen, wie wertvoll und gemeinschaftsbildend die alte Tradition des Pilgerns in der heutigen Zeit ist.

Traditionell gehören die Jugendlichen der Pfadi Menzingen zu den ersten und feiern jeweils morgens um 6.30 Uhr den ersten Gottesdienst in der Gnadenkapelle. Auf die Frage nach den erlebten Wetterbedingungen in der Nacht antwortet ein Pfädeler mit einem Schulterzucken: «Wasser, das oben hineinläuft, läuft unten auch irgendwo wieder hinaus.»

«Jedes Jahr, seitdem es unsere Pfadi gibt, gehört die Nachtwallfahrt nach Einsiedeln bei jedem Wetter einfach dazu. Alle Kinder, egal ob sie katholisch sind oder etwas anderes, gehören dazu und nehmen teil. Das ist Ehrensache und als Erlebnis ein Höhepunkt im Pfadijahr.» Julian Stadelmann, Leiter Pfadi Menzingen

Pilger kommen im Stundentakt

Bei ihrer Ankunft in Einsiedeln sind die gutgelaunten und zahlenmässig beeindruckenden Pilgergruppen der Pfarreien nicht zu übersehen. Ab neun Uhr morgens geben sie sich in der Studentenkapelle des Klosters die Klinke in die Hand, um dort Gottesdienst zu feiern.

Zu den Rekordhaltern unter den Pilgerinnen und Pilgern dürfte Josef Strickler mit seinen Kindern und Enkelkindern gehören. Einen Teil der generationenübergreifenden Pilgergruppe von gut 20 Familienmitgliedern habe ich auf dem Klosterplatz angetroffen.

«Ich habe die Wallfahrt nach Einsiedeln ohne einen Unterbruch heuer zum 53. Mal gemacht, 50 Mal von Zug und drei Mal vom Raten aus. Mit dabei waren immer unsere Kinder und mittlerweilen auch Grosskinder. Wenn wir alle in Einsiedeln zusammenkommen, sind wir um die 20 Familienmitglieder.» Josef Strickler (vorne rechts)

Eine schöne Begegnung ergibt sich auch mit zwei langjährigen Freundinnen. Auf die Frage, weshalb sie die lange Fusswallfahrt auf sich genommen haben und was sie dabei erlebt haben, schildern Sibylle Portmann und Andrea Betschart, wie das gemeinsame Unterwegssein für sie eine spezielle Bedeutung hat: Die beiden Frauen pflegen so den Austausch und stärken ihre Freundschaft.

«Ich erlebe die Wallfahrt als schönen Austausch mit Tradition. Das gemeinsame Unterwegssein gefällt mir.» Sibylle Portmann (linkds) - «Für mich zählt das Gemeinschaftliche, der tiefsinnige Austausch. Egal welche Religion oder Zugehörigkeit, jeder ist willkommen. So entstehen Zugehörigkeit und Toleranz. Wenn ich mit meiner Freundin durch die Nacht unterwegs bin, pflegen wir eine alte Freundschaft und stärken die Verbindung, die im Alltag manchmal verlorengeht.» Andrea Betschart (rechts)

Ein Glückstreffer ist zudem das Gespräch mit Severin Maier: Die Erfahrung einer Wallfahrt war für ihn neu und er hat den langen Weg durch die Nacht zum ersten Mal unter die Füsse genommen. Er ist allein gestartet und hat später eine Gruppe getroffen, mit der er weitergepilgert ist.

«Ich arbeite viel und es gibt für mich nur einen vernünftigen Grund, kurz nach Mitternacht aus der warmen Wohnung in die kalte und regnerische Nacht hinauszugehen und zu pilgern: Die Wallfahrt nach Einsiedeln.» Severin Maier

Wie der Weg das Herz öffnet

Unter den Ankömmlingen in Einsiedeln sind auch Pilger, die schon diverse andere Wallfahrten hinter sich haben: Ernst Merz und sein Freund Theo Biedermann haben die ganzen 2'300 Kilometer des Jakobsweges vom Bodensee bis nach Santiago de Compostela etappenweise zurückgelegt. Grund genug, die beiden bei ihrer Ankunft in Einsiedeln zu treffen. Sie erzählen, wie sie beim Pilgern und in der Stille der Natur auftanken können.

«Beim Pilgern zu Fuss erlebe ich Entschleunigung und tanke auf. Das ist für mich eine wichtige Motivation. Eine Wanderwallfahrt verbindet das Unterwegssein in der Natur, aber auch mit anderen Menschen, sei es beim Wandern, Beten oder Singen.» Ernst Merz (links) - «Zusammen mit Ernst Merz bin ich auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela gepilgert. Das war unser langjähriges Ziel. Exakt an Auffahrt angekommen haben wir am grossen Ziel prompt die Wallfahrt nach Einsiedeln vermisst.» Theo Biedermann (rechts)

Spannend zu wissen, wäre, wie viele Pilgerinnen und Pilger der Jubiläumswallfahrt einer anderen als der katholischen Konfession angehören. In den Begegnungen vor Ort habe ich in grosser Selbstverständlichkeit und Offenheit verschiedenste Bekenntnisse angetroffen, bis hin zu jemandem, der sich als agnostisch bezeichnet.

Keine Frage der Zugehörigkeit ist die Begegnung mit Verena Gysin Felber, ihres Zeichen Kirchenrätin der Reformierten Kirche Zug. Sie ist mit einer von den Reformierten organisierten Gruppe nach Einsiedeln gepilgert – in der selbstverständlich auch katholische Glaubensgeschwister mit dabei waren.

«Pilgern verbindet mit der Erde, mit dem, was mich umgibt und mit Gott. Besonders schön war für mich heute, in Gemeinschaft unterwegs zu sein und zu erleben, wie gemeinsames Aufbrechen und Ankommen verbindet.» Verena Gysin Felber, Kirchenrätin Reformierte Kirche Zug

Vor Ort ist nicht zuletzt eine Art «Profi» in Sachen Pilgern: Der reformiert Pilgerbegleiter Martin Gross will aus Respekt Teil der 600-jährigen Tradition sein.

«Als ausgebildeter Pilgerbegleiter habe ich mir gesagt: 600 Jahre Jubiläum einer Wallfahrt – da möchte ich Teil davon sein. Für mich als Reformierter ist das Mitpilgern auch ein Zeichen des Respekts einer beeindruckenden Tradition gegenüber. Das ist gelebte Ökumene.» Martin Gross, Pilgerbegleiter Reformierte Kirche Zug

Neue Standeskerze entzündet

Die Bedeutung der Wallfahrt bringt schliesslich Landamman Andreas Hostettler beim Entzünden der neuen Standeskerze auf den Punkt: «Sie steht für 600 Jahre gelebte Tradition, die immer noch lebendig ist und weitergeht.»

Text und alle Porträtfotos: Arnold Landtwing

Hier geht es zum Artikel Neue Standeskerze und Bundesrat ehren Zuger Jubiläumswallfahrt

Ankommen

Leise bin ich angekommen.
Nicht am Meer.
Nicht auf dem Berg.
Nicht woanders,
sondern hier.
In mir.


Ankommende Pilgerinnen und Pilger (Text und Foto: Arnold Landtwing)