Der erste nationale Armutsbericht des Bundes zeigt die Hintergründe von Armut in der Schweiz auf. Der Zuger Kantonsrat Andreas Lustenberger ist Mitglied der Geschäftsleitung bei Caritas Schweiz – im Interview mit Pfarreiblattredaktorin Ramon Nock sagt er, warum die Analyse ein Meilenstein ist.

Der Bund hat im November 2025 das erste nationale Arbeitsmonitoring veröffentlicht. Welches sind aus Sicht von Caritas Schweiz die wichtigsten Erkenntnisse?
Andreas Lustenberger: Der Monitoringbericht zeigt: Armut bedeutet für die betroffenen Menschen mehr als ein Mangel an Geld. Es wird deutlich, dass sich Belastungen in anderen Lebensbereichen finanzielle Notlagen verfestigen. Das heisst, eine angeschlagene Gesundheit etwa infolge einer chronischen Erkrankung, steigende Mieten oder auch fehlende soziale Beziehungen – also Einsamkeit – tragen dazu bei, dass Menschen nicht mehr allein über die Runden kommen und auf Unterstützung angewiesen sind. Der Bericht zeigt auch auf, wer von Armut betroffen ist. Er bestätigt zum Beispiel frühere Erkenntnisse, dass Familien besonders häufig in einer finanziell prekären Situation leben und keine Reserven haben. Das belastet besonders auch die Kinder, die mit schlechteren Chancen aufwachsen.
Gibt es eine Erkenntnis, die Caritas überrascht hat?
Die Schweiz hat ein nicht zu unterschätzendes Problem mit der Armut. Das Armutsmonitoring beinhaltet in dieser Hinsicht keine Überraschung. Acht Prozent der Bevölkerung sind akut von Armut betroffen und etwa nochmals so viele leben nur knapp über der Armutsgrenze. Der Bericht zeigt unbeschönigt auf, dass es der Schweiz seit Jahren nicht gelingt, das Ausmass der Armut zu reduzieren. Das muss uns doch sehr nachdenklich stimmen.
Welche Bedeutung kommt dem Armutsbericht insgesamt zu?
Das Armutsmonitoring ist ein Meilenstein. Wir wissen nun deutlich mehr darüber, wer aus welchen Gründen von Armut betroffen ist. Die Basis für eine gezielte Bekämpfung der Armut ist gelegt. Aber natürlich nützt ein Monitoring nur dann etwas, wenn nun auch politische Schlussfolgerungen daraus gezogen werden und konkrete Antworten gefunden werden.
Der Bericht widerlegt die Annahme, Armut sei nur ein vorübergehendes Phänomen. Warum geraten Betroffene häufig mehrmals im Laufe ihres Lebens in soziale Notlagen?
Einerseits ist die Armutsgrenze eine statistisch starre Linie. In einem Jahr befindet man sich knapp darunter im anderen Jahr knapp darüber. Deshalb sind für Caritas weitere Indikatoren relevant: Zum Beispiel die Erhebung, die aufzeigt, dass rund ein Fünftel der Bevölkerung eine unerwartete Ausgabe von 2’500 Franken nicht bezahlen können und demnach über keine Ersparnisse verfügen. Anderseits hat Armut oft auch mit fehlender Grundbildung oder keiner Möglichkeit für Weiterbildungen zu tun. Die Betroffenen wechseln demnach von einem prekären Job in den nächsten und dadurch verbessert sich an ihrer grundsätzlichen Situation nicht. Kommt hinzu, dass Kinder, die in Armut aufwachsen, oft schlechtere Entwicklungschancen haben und ein höheres Risiko, als Erwachsene selbst von Armut betroffen zu sein.
«Jetzt müssen Taten folgen», schreibt Caritas zum Armutsmonitoring. Welches sind die wichtigsten Massnahmen zur Armutsbekämpfung und -prävention, die jetzt seitens Politik gefordert sind?
Im letzten Jahr hat das nationale Parlament die Erarbeitung einer Armutsstrategie in Auftrag gegeben. Diese muss nun zügig angegangen werden und messbare Ziele sowie wirksame Massnahmen definieren. Armutspolitik ist mehrdimensional und betrifft alle staatlichen Ebenen. Gefordert sind also auch die Kantone und die Gemeinden. Heute besteht ein Flickenteppich und es hat mit Glück oder Pech zu tun, wie gut man in einer schwierigen Situation unterstützt wird. Ein grosser Hebel liegt in der finanziellen Entlastung von Familien mit tieferen Einkommen, weil damit der Kinderarmut begegnet und die Vererbung von Armut zu verhindert werden kann. Ebenfalls sehr wirksam wären zusätzliche Investitionen in die Erwachsenenbildung, damit Betroffene ihr Erwerbseinkommen steigern können. Der Kanton Zug hat mit der Einführung der Arbeitsmarktstipendien diesbezüglich eine Vorreiterrolle übernommen. Die weiteren Kostentreiber, die Mieten und die Krankenkassenprämien, sind bekannt und liegen auf dem Tisch, hier braucht es nun Lösungen von Seiten der Politik.
Armut in der Schweiz
Über 1,4 Millionen Menschen leben in der Schweiz unter der Armutsgrenze oder knapp darüber (16 Prozent d. Bevölkerung). 708’000 Personen sind im engeren Sinn armutsbetroffen. Dazu zählen rund 100’000 Kinder. 336’000 Männer und Frauen sind trotz Erwerbsarbeit von Armut betroffen oder bedroht. Eine armutsbetroffene Person hat in der Schweiz max. 2315 Franken monatlich zur Verfügung, eine vierköpfige Familie 4051 Franken.
Das Interview erschien als Erstpublikation im Pfarreiblatt 02/03-2026