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Die heilige Einsamkeit von Weihnachten

Weihnachten ist für die meisten Menschen ein Fest der Gemeinschaft – doch was bedeutet die Advents‑ und Weihnachtszeit für Patientinnen und Patienten einer psychiatrischen Klinik? Johannes Utters ist Seelsorger in der Klinik Zugersee und gibt Einblicke in die besonderen Herausforderungen und überraschenden Momente, die diese Jahreszeit mit sich bringt.

Johannes Utters, Sie sind das ganze Jahr über in der Klinik unterwegs. Ist in der Advents‑ und Weihnachtszeit etwas anders?

Johannes Utters Jein. Das Grundgefühl bleibt gleich, aber die Situation wird oft radikaler. Wer zu Hause Familie und kleine Kinder hat, spürt die Trennung in dieser Zeit als besonders schmerzhaft. Menschen mittleren Alters ohne eigene Familie erleben die Feiertage als Gelegenheit zur Besinnung und Gemeinschaft.

Der Advent ist heute emotional völlig überladen – Lichter und Werbung im Übermass und dies schon seit September. Wie erleben Sie das in der Klinik?

Das ist in der Klinik Zugersee tatsächlich anders. Die einzelnen Stationen beginnen erst jetzt im Dezember mit dem Schmücken. Auf den Stationen richtet man einen eigenen Adventskranz ein, bei dem nach und nach die LED-Kerzen brennen. Die Therapeutinnen und Therapeuten der Spezialtherapien integrieren die Advents- /Weihnachtszeit in ihre Arbeit. Eine Frage, die viele Patientinnen und Patienten derzeit beschäftigt, lautet: «Schaffe ich es, an Weihnachten nach Hause zu gehen?»

Wie beteiligt sich die Klinik mit den Adventsfenstern am Dorfleben?

Wir nehmen zum dritten Mal an dieser Aktion mit den Adventsfenstern teil. Das Fenster wird teilweise gemeinsam mit Patientinnen und Patienten gestaltet; die Aktivierungstherapeutinnen und -therapeuten der Akutstation sind dieses Jahr für ein «Bhaltis» zuständig, das die Besucher am 11. Dezember der Eröffnung erhalten. Das Adventsfenster ist für die Klinik Zugersee eine schöne Gelegenheit, sich als offene Psychiatrie zu zeigen.

Adventsfenster 2024 in der Klinik Zugersee in Oberwil. Foto: Melanie Schnider

Wie feiern Sie den Heiligabend in der Klinik?
Jede Abteilung organisiert eine interne Feier, gestaltet vom Personal. Dieses Jahr gibt es zusätzlich einen kurzen Gottesdienst am Mittag, den ich mit dem Musiktherapeuten Lukas Reinhardt gestalte.

Steigt der Bedarf an Gesprächen in der Weihnachts‑ und Neujahrszeit?

Es entstehen mehr kurze Begegnungen zwischen Tür und Angel – sowohl mit Patientinnen und Patienten als auch mit dem Personal. Zwischen den Jahren gibt es weniger reguläre Termine. So ist einfach mehr Zeit für solche spontane, persönliche Gespräche.
Ein Arzt beschrieb den Dienst über die Festtage als Erfahrung einer verschworenen Gemeinschaft, die diese Tage gemeinsam lebt und nicht als traurig. In einer zunehmend isolierten Gesellschaft wird diese Gemeinschaft zum Gegenpol zur Vereinsamung. Für Menschen mit einer langen psychischen Erkrankung sind die Isolation und das Alleinsein häufig die Realität.

Im Weihnachtslied «Stille Nacht» klingt in einer Strophe die Einsamkeit an, wenn es heisst «Alles schläft, einsam wacht nur das traute hochheilige Paar». Wie erleben Sie Einsamkeit in der Psychiatrie?

Vielleicht ist Einsamkeit gerade der Ort, an dem man Gott begegnet – im Unscheinbaren wird das Göttliche sichtbar und greifbar.
Weihnachten in einer psychiatrischen Klinik ist ein Spannungsfeld zwischen Isolation und Gemeinschaft, zwischen Überforderung und heilender Nähe. Durch kreative, vertraute traditionelle Rituale und bewusste Begegnungen gelingt es, die «heilige Einsamkeit» in einen Raum zu verwandeln, in dem Licht und Hoffnung wieder aufblühen können. Für dich, für mich, für alle Menschen.