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Eine Chance, innere Freiheit zu entdecken

Er steht Inhaftierten in der isolierten Welt des Gefängnisses bei: Am 29. Oktober referiert der Zuger Gefängnisseelsorger Stefan Gasser zum Thema Freiheit. Vorab erzählt er, was dies in seinem Arbeitsalltag bedeutet und was für die Insassen der schwerwiegendste Anteil der Strafe ist.

Gefängnisseelsorger Stefan Gasser. Foto: zVg

Stefan Gasser, Sie sind demnächst Gast in einem Workshop zum Thema «Freiheit». Ist das als Gefängnisseelsorger auf den ersten Blick nicht ein Widerspruch?

Stefan Gasser: Aus meiner Sicht, nein. Menschen sehnen sich oft nach dem, was sie gerade nicht haben. Dementsprechend sehnen sich inhaftierte Personen meistens sehr nach der äusseren Freiheit. So erlebe ich es nicht als Widerspruch, dass ich aufgrund meiner Aufgabe oft mit dem Thema «Freiheit» zu tun habe. Schliesslich empfinden viele meiner Klienten den Freiheitsentzug als den schwerwiegendsten Anteil der Strafe. Zudem bietet die Gefängnisseelsorge im Rahmen der «Zwangsgemeinschaft Gefängnis» einen Raum der «geistigen Freiheit» an. Es gibt keine Vorgaben: Die Menschen sind frei, worüber sie sich austauschen möchten.

Was kann Freiheit für Menschen im Gefängnis bedeuten?


Abgesehen davon, dass die äussere Freiheit eine Sehnsucht darstellt, kann die Haftzeit genutzt werden, um die «innere Freiheit» zu entdecken und zu entwickeln.
Einige Inhaftierte sind aus Sachzwängen heraus straffällig geworden. Nun erhalten sie im Gefängnis Unterstützung für die persönliche Auseinandersetzung sowie für die Absicht, aus freien Stücken nicht mehr straffällig zu werden. Das kann bedeuten, das Leben mit einer anderen Haltung anzugehen, das eigene Verhalten zu ändern, bewusst ein anderes soziales Netz aufzubauen, und so weiter.

Welches sind die häufigsten Anliegen der Menschen im Gefängnis?


Ein wesentliches Anliegen ist es jeweils, sich offen zu begegnen, einander von der aktuellen Befindlichkeit zu erzählen. Dies führt häufig auch zur Auseinandersetzung mit dem monotonen Alltag in Haft. Welche Ressourcen helfen mir, um nicht abzustumpfen?

Hauptthemen sind der Austausch zur eigenen Situation sowie zur Gestaltung von sozialen und familiären Beziehungen. Es geht um Fragen der Selbstfindung und Identität; zu philosophisch-theologischen Lebensfragen – inklusive der Bedürfnisse nach religiöser/ spiritueller Praxis, unter anderem durch Gebet. Auch über das globale Tagesgeschehen tausche ich mich mit den Insassen aus (Anmerkung: Ich habe fast ausschliesslich mit Männern zu tun, daher die männliche Sprachform).

Wie können Sie den Inhaftierten weiter beistehen?


In der Rolle als Seelsorger bin ich zuerst einmal ein Hörender. Ich stelle oft Verständnisfragen. Anschliessend entspinnt sich in der Regel ein Dialog. Bei persönlichen Fragen spreche in erster Linie Empfehlungen aus. Es kann aber auch vorkommen, dass ich das Gegenüber konfrontiere – wenn ich es als angemessen einstufe. Sind sachliche Informationen gefragt, dann gebe ich gerne Auskunft aufgrund meines Fachwissens und Erfahrung als Begleiter von Menschen.

Manchmal sehe ich mich selber in der Rolle als Lernender. Die inhaftierten Personen wissen, wie sich das Leben im Gefängnis anfühlt; ich kann es nur erahnen.

Was von vielen inhaftierten Personen als grosse Unterstützung genommen wird, ist die kontinuierliche Begleitung. Dabei bauen wir gegenseitiges Vertrauen auf; das ermöglicht persönliche Nachreifung und Weiterentwicklung; wenn gewünscht auch im Glauben.

Was bedeutet Freiheit für Sie persönlich?


Ich fühle Freiheit, wenn ich folgendes geben kann: Nicht-verurteilende Zuwendung, ungeteilte Aufmerksamkeit für das Gegenüber. Es gibt viele Klienten, die das sehr schätzen und es teilweise zum ersten Mal erleben, dass ihnen jemand auf diese Weise zuhört. Ich bin frei, zu geben und schütze mich davor, dass ich manipuliert werde. Als gläubiger Mensch pflege ich in Freiheit die Beziehung zu mir, zu den Mitmenschen, zur Mitwelt; in all dem fühle ich mich frei sowie verbunden; ausgestattet mit einem sinnvollen Auftrag; und in all dem fühle ich mich gehalten in der Beziehung zu Gott, zu Jesus Christus.

Das Gespräch wurde schriftlich geführt.

Themenwoche «Freiheit» der Fachstelle BKM, Landhausstrasse 15, Baar.

Referenten:

  • Exerzitienleiterin Patricia Kayser: Do, 20. Oktober, 18-20 Uhr
  • Gefängnisseelsorger Stefan Gasser: Do, 29. Oktober, 14- 15.30 Uhr,

Informationen und Anmeldung: www.fachstelle-bkm.ch