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«Er erkannte in allem ein Geschenk Gottes»

Pater Vine Ledusic ist Leiter der Kroatenseelsorge Zug und spricht über die Bedeutung des Franziskusjahrs.

Die Einfachheit des Heiligen Franziskus von Assisi und dessen Hingabe an Gott faszinieren ihn: Der Franziskaner Pater Vine Ledusic erzählt, was wir vom vor 800 Jahren verstorbenen Heiligen lernen können und warum die Welt den Blick der Hl. Klara mehr denn je braucht.

Wann und auf welche Weise haben Sie sich entschieden, dem Franziskanerorden beizutreten?

Pater Vine Ledusic: Ich bin in einer Umgebung aufgewachsen, in der die Menschen eng mit der Kirche verbunden sind. Mit meiner Familie nahm ich regelmässig an den Pfarreiprogrammen und den Sakramenten teil. In unserer Gegend sind die Franziskaner seit Jahrhunderten präsent, daher waren mir der Franziskanismus und das franziskanische Charisma sehr vertraut. Nach der Grundschule, motiviert durch mein Ministrieren und mein wachsendes Engagement im kirchlichen Leben, entschied ich mich, in das Kleine Seminar einzutreten. Danach setzte ich meine Ausbildung im Priesterseminar sowie im Studium der Theologie und Philosophie fort. In dieser Zeit vertiefte sich meine Verbindung zum Franziskanertum noch mehr. Schliesslich traf ich die Entscheidung, dem Franziskanerorden beizutreten.

Können Sie uns kurz Ihren Lebensweg schildern? Wann und wie sind Sie aus Kroatien in die Schweiz gekommen?
Das franziskanische Leben im kroatischen Volk hat eine lange, bedeutende Geschichte, die eng mit unserer nationalen Identität verbunden ist. Während der mehr als 400 Jahre dauernden osmanischen Herrschaft waren die Franziskaner und die Kirche diejenigen, die beim Volk blieben und in schweren Zeiten Glauben und Tradition bewahrten. Während in vielen Teilen Europas prächtige Kirchen und kulturelle Bauwerke entstanden, lebten unser Volk und die Kirche im Verborgenen – in Wäldern, Höhlen und Bergen –, oft in Lebensgefahr. Auch damals blieben die Franziskaner und die Kirche nah beim Volk. Über lange Zeit durften sie ihre Ordenskleidung nicht tragen, um ihren Dienst im Geheimen tun zu können: die Sakramente spenden, Beichten hören und den Menschen geistlichen Beistand geben. Das Volk nannte sie «Onkel», um ihre Identität vor den Kindern zu verbergen, damit diese sie nicht unabsichtlich verraten würden.

Wie ging es weiter?
Diese Verbindung blieb lebendig, auch während der kommunistischen Zeit im ehemaligen Jugoslawien, als die Franziskaner oft die einzige Stütze waren, die den Glauben und die Identität des Volkes bewahrte. Als sich die Menschen aus politischen und wirtschaftlichen Gründen zu zerstreuen begannen, begleiteten und stärkten die Franziskaner sie und bemühten sich, ihren Glauben und ihre Tradition lebendig zu halten. Deshalb entstanden weltweit kroatische katholische Missionen. Unsere franziskanische Gemeinschaft bereitet ihre Mitglieder vor, um diesen Dienst zu übernehmen, und so habe ich auch diese Aufgabe angenommen. Im Jahr 2014 bin ich in die Schweiz gekommen, vor genau zwei Jahren schliesslich nach Zug.

Was bedeutet Ihnen das Franziskusjahr persönlich?

Für uns, die wir die franziskanische Spiritualität leben und dem heiligen Franziskus folgen, ist sein Beispiel eine tägliche Wirklichkeit. Daher bedeutet das Franziskusjahr für uns nicht viel mehr als das, was wir ohnehin dauerhaft zu leben versuchen. In den letzten Jahren reihten sich zahlreiche Jubiläen aus dem Leben des heiligen Franziskus aneinander, ebenso das Gedenkjahr der von ihm verfassten Ordensregel. Wir feierten auch das Jahr des Sonnengesangs, in dem Franziskus Gott auf besondere Weise dankt und ihn durch alle Geschöpfe lobt, indem er jedes Wesen Bruder oder Schwester nennt. In diesem Jahr erinnern wir uns besonders an seinen Tod – genauer gesagt an seine Geburt für den Himmel. Alle unsere franziskanischen Klöster und Gemeinschaften feiern jedes Jahr in einem besonderen Ritus oder einer eigenen Feier das Sterben des heiligen Franziskus. Dieses Mal jedoch wurde dieses Gedenken auf das ganze Jahr ausgedehnt.

Pater Vine Ledusic ist Leiter der kroatischsprachigen Mission und gehört dem Franziskanerorden an. Foto: zVg

Was inspiriert Sie am meisten an der Gestalt des heiligen Franziskus von Assisi?
Mich inspirieren vor allem seine Einfachheit und Bescheidenheit, die jeden Augenblick seines Lebens durchdringen. Auch seine tiefe geistliche Freiheit beeindruckt mich – die Fähigkeit, alles Gott zu überlassen und das Leben ohne die Last eigener Erwartungen anzunehmen. Besonders fasziniert mich seine von Liebe erfüllte Hingabe an Gott, die sich in einem dankbaren Blick auf alles Geschaffene zeigt. Franziskus konnte in jedem Wesen und in jeder Wirklichkeit ein Geschenk Gottes erkennen, und genau diese Dankbarkeit war die Quelle seiner Freude und seines Friedens.

Begehen Sie in Ihrer Gemeinschaft, als Priester und Seelsorger der kroatischen katholischen Mission, das Franziskusjahr auf besondere Weise?

Vor allem versuche ich durch meine Lebensweise und durch meine Sicht auf die Kirche, das Evangelium und die Welt stets auf dem Weg des heiligen Franziskus zu gehen, der zum Ziel führt, nämlich zu Christus. In diesem Jahr hebt sich besonders der Plan hervor, dass unsere Mission im Rahmen einer Wallfahrt jene Orte besucht, an denen der heilige Franziskus geboren wurde und gelebt hat. Ebenso möchten wir jenen Ort aufsuchen, an dem er kurz vor seinem Tod den Sonnengesang verfasst hat, sowie den Ort seines Heimgangs, seiner Geburt für den Himmel.

Am 17. Januar wird in Zug die franziskanische Wanderikone gesegnet. Was bedeutet Ihnen dieses Ereignis?
Es ist mir eine Ehre, dass die Kirche in unserer Region durch dieses Ereignis den heiligen Franziskus und seinen Weg noch besser kennenlernen kann. Für mich persönlich ist diese Segnung ein bedeutendes Zeichen der Gegenwart der franziskanischen Spiritualität unter uns und zugleich eine Einladung, das Evangelium nach seinem Beispiel noch tiefer zu leben. Unsere Gemeinschaft wird sich gerne an der Segnung der Wandikone am 17. Januar in der Kirche St. Johannes beteiligen, und wir werden all unsere Gläubigen einladen, sich uns an diesem Abend im Gebet, im Segen und in der Gemeinschaft anzuschliessen


«Franziskus, geh und stelle mein Haus wieder her»: Der Überlieferung nach hörte der heilige Franziskus diese Worte vom Kreuz in der verfallenen Kapelle San Damiano. Was kann diese Botschaft für die Kirche von heute bedeuten? Wo braucht es Erneuerung und Wiederaufbau?

Franziskus hörte diesen Anruf im Gebet, während er auf das Kreuz schaute. Gebet und Kreuz – diese Verbindung wurde für ihn zur Quelle des Verstehens von Gottes Willen. In dieser Betrachtung sah er Jesus auf dem Kreuzweg: seine Stürze und sein Aufstehen, die Verhöhnungen und das Anspucken der Menge. Und vor allem sah er das Nichtaufgeben Jesu. Aufstehen und weitergehen. Das ist die Antwort auf viele Lebensfragen, auf persönliche Schwierigkeiten und Zweifel. Wo braucht die Kirche heute Erneuerung? Vielleicht ist es einfacher zu fragen: Wo nicht? Es gibt so vieles in der Welt, das wir nicht ändern können. Aber wir können unser eigenes Leben verändern. Wir können das Evangelium leben und den franziskanischen Geist in der Begegnung mit den Menschen, denen wir dienen, verwirklichen. Franziskus wollte ursprünglich nicht, dass ihm jemand folgt, und schon gar nicht, dass er einen Orden gründet. Er schaute nur auf seinen eigenen Weg und hörte auf sein Herz— gerade deshalb schlossen sich ihm andere an. So ist es auch heute: Wir müssen nicht erwarten, dass uns alle folgen. Wir müssen vor allem selber die Kirche und die Welt durch unser Leben erneuern. Vielleicht ist das die grösste und tiefste Veränderung, die wir bewirken können.

Wodurch könnte uns die Heilige Klara von Assisi heute inspirieren – besonders in Bezug auf ihre radikale Armut und ihre Gabe des «geistlichen Sehens»? Wie kann sie uns helfen, das Wesentliche in einer Welt voller Informationen und gesellschaftlicher Erwartungen klarer zu erkennen?
Die Heilige Klara von Assisi, eine Frau stiller Stärke und aussergewöhnlicher geistlicher Klarheit, könnte der Kirche heute vor allem zwei Dinge vermitteln: innere Freiheit und die Fähigkeit, die Realität wirklich zu erkennen. Ihre radikale Entscheidung zur Armut war nicht der Wunsch, weniger zu besitzen, sondern frei zu sein für mehr – für Gott, für die Wahrheit, für das, was ihr Herz als authentisches Evangelium erkannte. Indem sie sich in die Klausur zurückzog, schuf sie Raum für innere Freiheit: Befreiung von gesellschaftlichen Erwartungen, von den Rollen, die andere Frauen ihrer Zeit tragen mussten, aber auch vom Druck eigener Ambitionen. Dieses Paradox gilt auch heute: Manchmal müssen wir Grenzen wählen, die uns vor der Hektik, dem Leistungsdruck und sinnlosen Vergleichen schützen, um wirklich frei zu sein.

Und was lehrt Klara uns als Fürsprecherin gegen Augenleiden?
Als solche lehrt uns Klara, das Wesentliche klarer zu sehen. Nicht so sehr mit den physischen Augen, sondern mit dem inneren Blick. In einer Zeit, in der wir von Informationen, Emotionen und Erwartungen anderer überflutet werden, ruft sie uns zu Rückzug in Stille und Einfachheit – nicht als Flucht vor der Welt, sondern als Abstand vom Lärm, der uns blind für die Wahrheit macht. Sie lehrt uns, tiefer zu schauen und den Kern des Lebens zu erkennen: Güte, Wahrheit, Schönheit, die Beziehung zu Gott und zu den Menschen. Klaras Botschaft der radikalen Armut ist nicht politisch oder sozial, sondern existentiell: Der Wert des Menschen bemisst sich nicht daran, was er kontrollieren, besitzen oder erreichen kann, sondern daran, wer er ist – ein von Gott geliebtes Geschöpf. In einer Welt, die Macht, Sicherheit und Besitz hoch schätzt, erinnert sie daran, dass Grösse in Demut, Vertrauen und Freiheit des Herzens liegt. Vielleicht brauchen wir gerade heute Klaras Blick mehr denn je: einen Blick, der das Wesentliche erkennt, der aus der Dunkelheit Frieden schöpft und der den Menschen in der modernen «Überfülle» wieder in den Raum der Stille zurückführt, wo er Gott, andere und sich selbst neu begegnen kann.

Das Interview wurde schriftlich geführt