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Fasziniert von Franziskus' Gottvertrauen

«Nicht das Maximum des Wünschbaren, sondern das notwendige Minimum»: Diese franziskanische Maxime würde uns als Gesellschaft guttun, sagt die Leiterin der franziskanischen Laienbewegung der Deutschschweiz, Nadia Rudolf von Rohr im Gespräch mit Pfarreiblatt-Redaktorin Ramona Nock.

Franziskus und Klara vor dr Rigi - diese Ikone schuf die Künstlerin Janina Zang im Franziskusjahr für den Pastoralraum Zug Walchwil. Rund um die beiden Heiligen gibt es in diesem Jahr diverse Veranstaltungen. Foto zVg

Im Herzen war sie gewissermassen schon immer eine Franziskanerin, heisst es über Nadia Rudolf von Rohr. Die 51-Jährige leitet seit 2007 die Geschäftsstelle der Franziskanischen Laienbewegung (FG) der Deutschschweiz. Zuvor war sie stellvertretende Geschäftsführerin bei «Mediamarkt» in Dietikon. Diesen gutbezahlten Job gab sie auf, weil sie sich nach einer Aufgabe sehnte, bei der es mehr um die Menschen, und weniger um deren Funktion geht.

Nadia Rudolf von Rohr, Ihr Lebensweg weise Parallelen zu dem des Hl. Franz von Assisi auf, hat einmal ein Journalist geschrieben: Auch Franziskus hatte seine Karriere als Kaufmann an den Nagel gehängt für ein Leben, in dem Menschlichkeit im Zentrum stand. Sehen Sie diese Parallelen ähnlich?
Nadia Rudolf von Rohr: Mich direkt mit Franziskus zu vergleichen, fände ich anmassend. Aber insofern, dass ich eine «Menschenfreundin» bin, erkenne ich Verwandtschaften. Und ich habe mich entschieden, meine Berufung unterwegs mit Gefährten und Gefährtinnen zu leben und nicht in einer profitorientierten, hierarchisch strukturierten Firma. Auch das kann man als eine Parallele sehen, wenn man so will.

Was fasziniert Sie bis heute am Hl. Franziskus? Was an der Hl. Klara?

Mich bewegt immer wieder neu die so offenbare Menschlichkeit der beiden. Ihre Biographien bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte auch für heutige Lebensentwürfe. Franziskus macht existentielle Grunderfahrungen und muss sich mehr als einmal neu orientieren. Er findet nicht einfach DEN Lebensentwurf und dann ist gut, sondern ist immer wieder neu auf der Suche nach der Art und Weise und Form, wie er seine Berufung leben kann bzw. soll. An Klara fasziniert mich ihre Klarheit, ihr untrüglicher Fokus und dass sie sich nicht beirren lässt in dem, was sie im Innersten als stimmig und richtig erkennt. Dabei bleibt sie stets in Beziehung auch mit ihrer Mitwelt und ihrem Schöpfer. Und wiederum an beiden fasziniert mich ihr unerschütterliches Gottvertrauen, auch durch alle Krisen und Unwägbarkeiten hindurch.

Wie können und sollten wir als Gesellschaft die «franziskanischen Ideen» im Alltag umsetzen? Inwiefern können uns beide Heilige ein Vorbild sein?

Eine franziskanische Maxime, die uns guttun könnte, wäre diejenige, die wir jeweils für unsere Wanderwochen als «Packhilfe» mitgeben: «Nicht das Maximum des Wünschbaren, sondern das notwendige Minimum.» Es geht nicht darum, dass wir alle Asketinnen und Asketen werden und uns nichts gönnen, es darf auch einmal mehr als das notwendige Minimum sein. Aber als Massstab taugt das Maximum auf lange Sicht nicht. Es wäre schon ein Schritt in die richtige Richtung, wenn wir uns wieder am Optimum orientieren würden: An dem, was genug ist, damit es gut ist. ​Ein zweites wäre, sich wieder bewusster zu werden, dass alles mit allem verbunden ist. Franziskanisch gesprochen geht es um den Gedanken der universellen Geschwisterlichkeit. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir konsumieren, führt auch zu Gleichgültigkeit oder gar Ignoranz. Franziskus hat alles Geschaffene als Bruder und Schwester verstanden. Das ändert den Umgang mit meiner Mitwelt ganz wesentlich.

Welche Herausforderungen erleben Sie dabei selber in Ihrem Alltag?

Die Frage, welchen Massstab ich anlege, beschäftigt mich immer wieder neu. Wieviel ist denn genug für mich? Was brauche ich, um langfristig gesund und bei Kräften zu bleiben und was meine ich nur zu brauchen? Was tue ich mir bewusst Gutes und inwiefern ist das alles sozial- und umweltverträglich? Wieviel Radikalität bräuchte es im Angesicht der aktuellen Sachlage und was kann ich tatsächlich authentisch leben?​ Ein weiteres ist, die Gleichzeitigkeit unseres Glücks und des Elends anderer aushalten zu müssen. Ist es in Ordnung, dass ich in Urlaub fahre und das Leben geniesse, während andere im Krieg ihr Leben lassen, vielleicht sogar auch für uns und unsere zukünftige Lebensfülle? Ist es in Ordnung, sich zu freuen, während andere trauern? Leben in Fülle schliesst alles mit ein: Schönes und Beelendendes. Das finde ich oft genug herausfordernd!

Nadja Rudolf von Rohr leitet die franziskanische Laienbewegung der Schweiz. Foto zVg

Sie studieren aktuell Theologie – inwiefern hat dies Ihren Blick auf die beiden Heiligen nochmals geschärft?
In meinem Theologiestudium kamen die beiden Heiligen direkt nicht vor, nochmals deutlicher geworden ist mir aber ihre enge Bezogenheit auf und ihre Vertrautheit mit der Heiligen Schrift. Franz und Klara haben nichts Neues erfunden, sondern lebten das, was sie vom Evangelium verstanden hatten.

Zum Abschluss: Welche Kernbotschaft des Hl. Franziskus möchten Sie besonders hervorheben?

In einem Brief an seinen lieben Gefährten Br. Leo schreibt der heilige Franziskus: «Auf welche Weise auch immer es dir besser erscheint, Gott, dem Herrn, zu gefallen und seinen Fussspuren und seiner Armut zu folgen, so tut es mit dem Segen Gottes.» Es zeichnet den Heiligen aus Assisi aus, dass er sich zeitlebens nicht zum Meister machen liess und er auch nicht müde wurde, seine Gefährten und die Menschen in seinem Umfeld in die Selbstverantwortung zu entlassen. Es sind der Wege viele, den Fussspuren Jesu’ zu folgen...


«Podium: Franziskus, Klara und wir» – Samstag 3. Oktober 2026, Kirche St. Johannes Zug: Gesprächsrunde mit Nadia Rudolf von Rohr, Nationalrat Gerhard Pfister sowie der SRF-Redaktorin Cornelia Kazis (Moderation) darüber, was uns heute noch mit den beiden Heiligen verbindet.