Er gilt als Pionier der modernen Malerei – und er hat in den Zuger Gotteshäusern Spuren hinterlassen: Zu den Werken von Ferdinand Gehr ist ein neuer Kunstführer erschienen. Dieser zeichnet den Weg eines sensiblen Künstlers nach, der mit seinen schlichten Bildern den Kern der Dinge offenbaren wollte – und in Oberwil einen Tumult auslöste.

Ferdinand Gehr (1896–1996), ein Künstler von besonderer Tiefe.
Einer, der seine Inspiration oft in der Stille fand – draussen im Garten oder zurückgezogen in seinem Atelier. Und einer, der niemals spontan zum Pinsel griff. Das war Ferdinand Gehr (1896–1996), einer der bedeutendsten Schweizer Maler des 20. Jahrhunderts. Immer setzte er sich intensiv mit seinem Sujet auseinander und versuchte, «dessen innerstes Wesen zu erfassen».
So beschreibt es Elisabeth Feiler-Sturm, Kunsthistorikerin und Kuratorin der katholischen Kirchgemeinde Zug. Unter ihrer Federführung ist vor Kurzem ein neuer Kunstführer zu Ferdinand Gehr erschienen: ein Buch in handlichem Format aus der Reihe der Schweizerischen Kunstführer der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte.
Elisabeth Feiler würdigt darin zusammen mit dem Historiker Michael van Orsouw das Schaffen Gehrs in der Region Zug. Hier hat der Künstler an verschiedenen Orten Spuren hinterlassen. Zum einen in den Kirchen St. Johannes der Täufer in Zug und Bruder Klaus in Oberwil, zum anderen im ehemaligen Stadthaus Zug, dem Hotel Ochsen sowie im Lassalle-Haus in Bad Schönbrunn. Das Buch lade ein, sich entlang dieser Stationen auf Entdeckungsreise zu begeben, sagt Feiler.

Gehr, ein Suchender
Gehrs Schaffen sei sehr vielfältig, so die Kunsthistorikerin. Sie selbst fasziniere vor allem seine stetige Suche nach dem «Wesenskern» der Dinge. «Sei es bei seinem Studium der Pflanzen oder der Beschäftigung mit den Mysterien des Glaubens.» Diese Suche nach dem Wesentlichen zeigte sich in seiner schlichten, reduzierten und symbolhaften Bildsprache: «Alles Überflüssige weglassen und die geistige Dimension bereichern», so lautete Gehrs Credo.
Mit seiner modernen Sakralkunst stiess Gehr aber insbesondere in Oberwil auf harsche Kritik: Die Wandbilder, die er ab 1955 in der neu gebauten Kirche Bruder Klaus malte, wurden von Kritikern als naive Malerei abgetan und lösten in Oberwil einen massiven Tumult aus, der dem Ort internationale Aufmerksamkeit bescherte. Anlass zur Kritik gaben vor allem Gehrs Christusfigur beim Abendmahl sowie die abstrahiert dargestellten Engel, die über ihm schweben. Auch nach einer Überarbeitung durch den Künstler schwoll die öffentliche Empörung in Oberwil nicht ab, sodass Gehrs Wandfresken im Oberwiler Gotteshaus während fünf Jahren mit dunklen Vorhängen verhüllt wurden.
«Aus der Warte des Jahres 2026 ist es tatsächlich schwer nachzuvollziehen, dass seine Malereien so polarisierten», sagt Kuratorin Elisabeth Feiler. Im Kontext ihrer Entstehungszeit sei dies aber plausibel. «Dass es sich um eine bewusst reduzierte Ausdruckssprache zugunsten der inhaltlichen Essenz handelte, war für grosse Teile der Bevölkerung zur damaligen Zeit noch nicht verständlich. »
Als die Wogen in Oberwil hochschlugen, meinte Gehr lediglich, dass die Zeit noch kommen werde, in der die Menschen bereit sein würden für seine Malerei. Er sollte Recht behalten.
