Seit seinem Unfall vor fast 16 Jahren ist im Leben von Samuel Koch vieles anders. Geblieben sind sein Humor, seine Neugier – und sein Glaube. Im Gespräch erzählt der Schauspieler und Autor, was ihm Lebensmut gibt, warum er heute mehr Fragen an Gott hat als früher und weshalb Hoffnung für ihn eine Entscheidung ist. Am 25. Oktober 2026 ist er zu Besuch in Zug.

Samuel Koch, Sie leben inzwischen seit fast 16 Jahren mit einem Alltag, den die meisten Menschen sich kaum vorstellen können. Was hat Sie in dieser Zeit am meisten überrascht – an sich selbst?
SAMUEL KOCH: Die Anpassungsfähigkeit der Menschen. Vor meinem Unfall hätte ich jeden für verrückt erklärt, der mir gesagt hätte, dass man mit so einer Einschränkung ein schönes und erfülltes Leben führen kann. Damals dachte ich ganz klischeehaft: «Lieber tot als so.» Interessant, wie viel Geduld man aufbringen kann, wenn man gar keine andere Wahl hat. Und dann gibt es diesen Humor- Knopf, der verhindert, dass einem der Kragen platzt. Jeden Tag aufs Neue überrasche ich mich damit, dass ich immer noch Pläne mache und dass Freude am Leben nicht von funktionsfähigen Armen und Beinen abhängt.
Sie sind in einer gläubigen Familie aufgewachsen. Was hat der Unfall mit Ihrem Gottesbild gemacht? Was ist geblieben – und was ist zerbrochen?
Mein Glaube ist nicht direkt anders, aber intensiver. Wenn man davon ausgeht, dass sich sowieso ständig überall alles ändert, dann hat sich auch mein Glaube verändert. Alles, was zu dem vermeintlich naiven Kinderglauben gehört: «Gott wird schon auf uns aufpassen und schauen, dass alles gut geht» habe ich ad acta gelegt. Durch den Crash musste ich not gedrungen feststellen, dass es Wichtigeres gibt oder geben muss als körperliche Unversehrtheit. So hat sich einiges in meinem Glauben relativiert, aber nachhaltig intensiviert. Mein Glaube ist sozusagen vom Kopf ins Herz gewandert.
Sie haben einmal Ihren Glauben vor dem Unfall als «Watte-Sahne-Glauben mit Kirsche obendrauf» beschrieben. Was hat ihn ersetzt?
Dieser alte «Watte-Sahne-Glaube» war ja ein Schönwetter-Glaube. Ein Glaube, der funktioniert, solange das Leben nach Plan läuft, man gesund ist und Sport treiben kann. Aber wenn der Sturm kommt, bläst er die Sahne natürlich im Sekundenbruchteil weg. An die Stelle ist kein intellektuell perfektes Gedankengebäude getreten, das mir jede Frage beantwortet. Im Gegenteil: Ich habe heute viel mehr Fragen an Gott als vor dem Unfall. Ich vergleiche das gerne mit einer Ehe oder einer tiefen Freundschaft: In guten Zeiten plaudert man nett, aber erst in den dunkelsten Stunden zeigt sich, ob die Beziehung trägt. Kurz gesagt: Die Kirsche ist weg, aber das Fundament steht noch.
Viele Menschen verbinden Glauben mit Antworten. Haben Sie durch Ihre Erfahrungen eher Antworten oder eher Fragen gefunden?
Früher dachte ich vielleicht, Glaube sei so etwas wie ein theologisches Lexikon: Man schlägt nach und findet für jedes Schicksal die passende Erklärung. Das hat sich gründlich erledigt. Das Leid auf dieser Welt lässt sich nicht einfach wegerklären, und ich taste mich da gar nicht erst an den Versuch an. Meine Frage-Akte an Gott ist nach dem Unfall nicht dünner geworden, sondern dicker. Antworten können einengend und starr sein. Fragen halten dich lebendig und in Bewegung.
Ihr Vortrag in Zug trägt den Titel «Lebensmut». Was bedeutet dieses Wort heute für Sie?
Lebensmut wird ja oft mit diesem typischen Helden-Image verwechselt: Brust raus, Augen zu und durch, immer positiv denken. Für mich bedeutet Lebensmut heute etwas viel Unspektakuläreres, aber viel Anstrengenderes: die Entscheidung, sich trotzdem auf den Tag einzulassen. Mut heisst für mich, die Realität nicht schönzureden, den Schmerz oder die Frustration voll anzuerkennen – und sich dennoch dafür zu entscheiden, dem Tag einen Sinn abzutrotzen und die Freude nicht abzubestellen. Lebensmut ist kein Dauerzustand, sondern eine tägliche, manchmal stündliche Entscheidung.
Sie mussten lernen, mit vielen Abhängigkeiten zu leben. Was hat Ihnen geholfen, Kontrolle loszulassen?
Wir alle leben in Anhängigkeiten, die manch mal auch gut sind, wie die Schwerkraft zum Beispiel. Wir bilden uns immer nur ein, wir hätten unser Leben komplett im Griff. Humor habe ich vorhin schon erwähnt. Humor schafft auch eine Distanz, die man braucht, um nicht an der eigenen Ohnmacht zu ersticken. Und zweitens hat mir eine Erkenntnis geholfen, die ich aus der Fliegerei und dem Sport mitgebracht habe: Kontrolle abzugeben bedeutet nicht, aufzugeben. Ich musste die äussere Kontrolle über meine Muskeln abgeben – aber ich habe die innere Kontrolle behalten über meine Haltung, meine Gedanken und wie ich den Menschen begegne, die mir helfen. Ich habe das Kontrollieren durch Ver trauen ersetzt. Vertrauen in die Menschen um mich herum, die zu meinen verlängerten Armen und Beinen wurden, und letztlich Ver trauen in Gott, dass mein Leben auch dann noch einen Wert hat, wenn ich nicht mehr am Steuer sitze, sondern auf dem Beifahrersitz.
Sie sprechen oft über Hoffnung. Gab es Momente, in denen Hoffnung für Sie eher eine Entscheidung als ein Gefühl war?
Hoffnung ist für mich fast immer eine Entscheidung und nur ganz selten ein gemütliches Gefühl. Wenn man wartet, bis sich Hoffnung von alleine, wie ein warmes Bauchgefühl einstellt, kann man lange warten. Hoffnung als Gefühl ist leicht, wenn die Sonne scheint und die Dinge gut laufen. In solchen Momenten ist Hoffnung ein Akt des Willens. Ein stures, manchmal fast trotziges: «Ich entscheide mich jetzt trotzdem dafür zu glauben, dass dieser Tag nicht das letzte Wort hat.» Ich glaube, Hoffnung ist kein Zustand, den man passiv vorfindet, sondern eine Haltung, für die man sich aktiv entscheidet – manchmal von Minute zu Minute.
Welche Rolle spielt der Glaube ganz konkret in Ihrem Alltag?
Der Glaube gibt mir eine Urgelassenheit. Jeden Morgen, wenn ich aufwache und die Abhängigkeit von anderen sofort wieder da ist, erinnert mich mein Glaube daran, dass mein Wert als Mensch absolut nichts mit meiner Leistungsfähigkeit, meinen Muskeln oder meinem Terminkalender zu tun hat. Ich bin von Gott geliebt und gewollt – einfach so, als Samuel, völlig unabhängig von meinem Zustand. Und zu dem Erfinder des Rückenmarks habe ich eine Standleitung im Gebet – oft gar nicht lange oder hochgestochen, sondern ganz unkompliziert zwischendurch. Wenn die Tage zäh werden, wenn Schmerzen da sind oder die Geduld reisst, ist das wie ein inneres Durchatmen und Abgeben: «Gott, du siehst das gerade, gib mir bitte noch ein bisschen Puste für die nächste Stunde. Ich weiss, dass diese Erde, dieser Körper und auch dieses Leid nicht das letzte Wort haben.» Das macht mich nicht weltfremd, aber es macht mich unheimlich frei, das Leben im Heute trotz aller Einschränkungen voll zu umarmen.
Zur Person
Samuel Koch ( 38 ) ist Schauspieler, Autor und ehemaliger Kunstturner. Aufgewachsen ist er in einem Dorf in Südbaden, nur wenige Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt. Seit seinem Unfall bei «Wetten, dass …?» 2010 ist er Tetraplegiker. Er arbeitet als Schauspieler und engagiert sich mit seinem Verein Samuel Koch und Freunde e. V. für Menschen in schwierigen Lebenssituationen.
«Leben wagen » – Samuel Koch kommt nach Zug:
Samuel Koch und der Zuger Pfarrer Christoph Baumann, der an multipler Sklerose erkrankt ist, sprechen über Lebensmut und prägende Erfahrungen.
- 24. Oktober, 19.30–21.00 Uhr: Gespräch « Hinfallen. Aufstehen. Weitergehen.»
- 25. Oktober, 10.00–11.00 Uhr: Mutmacher ökumenischer Gottesdienst, ebenfalls mit Samuel Koch und Christoph Baumann. Jeweils Kirche St. Johannes, Zug. Keine Anmeldung nötig, Kollekte.
Interview: Carole Bolliger, Kirchenbote (Erstpublikation)