Kirchliche Mitarbeitende haben oft hohe moralische Ansprüche an sich selbst. Der Theologe und Journalist Norbert Bischofberger hilft Seelsorgenden im Bistum Basel, sich vor einem Burnout zu schützen.

Pfarreiblattredaktorin Ramona Nock hat Norbert Bischofberger zum Thema Stress in der Kirche interviewt.
Stress und Burnout würde man von aussen betrachtet im kirchlichen Kontext nicht unbedingt erwarten. Täuscht dieser Eindruck?
Norbert Bischofberger: Ja, dieser Eindruck täuscht. Auch kirchliche Mitarbeitende erleben oft Stress. Die Situation ist durchaus vergleichbar mit anderen Berufsgruppen. Die Aufgaben im kirchlichen Umfeld sind vielfältig und anspruchsvoll. Viele arbeiten unregelmässig und an Wochenenden. Dies erschwert die Vereinbarkeit von Beruf und Partnerschaft und Familie. Manche erleben einen Widerspruch zwischen dem Pfarreialltag mit vielen Events und Gottesdiensten und der Botschaft Jesu, einfach für die Menschen da zu sein. Das kann sehr belastend sein.
Mit welchen Anliegen aus der Seelsorge kommen die Teilnehmenden des Seminars zu Ihnen? Was führt zu «Stress in der Kirche»?
Viele berichten von Konflikten in Teams oder unklaren Führungsstrukturen, die sie verunsichern. Häufig geht es auch um Erwartungen von Freiwilligen oder Kirchenräten und die Frage, wie viel Information sie erhalten sollen. Hinzu kommen knappe Ressourcen, sinkende Mitgliederzahlen, die Angst vor Gemeindefusionen oder Berichte von sexuellen Übergriffen im kirchlichen Umfeld.
Wo liegen hier die Unterschiede zu anderen Berufsgruppen?
Kirchliche Mitarbeitende identifizieren sich oft besonders stark mit ihrer Aufgabe. Sie haben hohe moralische Ansprüche an sich selbst und wollen «für alle da sein». Das erschwert es, sich abzugrenzen und eigene Bedürfnisse wahrzunehmen. Generell sind jedoch Konflikte im Team oder mit Vorgesetzten, Führungsprobleme und mangelnde Kommunikation und Arbeitsorganisation die grössten Stressoren. Das gilt in der Seelsorge und für andere Berufsgruppen.
Wie können Sie den Teilnehmenden helfen, Stress in der pastoralen Arbeit zu reduzieren?
Wir arbeiten mit Modellen, die helfen, Situationen besser zu verstehen und handlungsfähig zu bleiben. Der «Konflikt-Radar» zeigt etwa, wie man Konflikte aktiv und deeskalierend angehen kann. Das «Eisenhower-Modell» hilft, Aufgaben nach Wichtigkeit und Dringlichkeit zu ordnen und Überlastung zu vermeiden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf persönlichen Resilienzstrategien: Grenzen setzen, innere Antreiber erkennen und Erlauber-Sätze formulieren. Auch genügend Bewegung, Schlaf und soziale Kontakte gehören zur Stressprävention.
Sie sind selber Theologe. Inwiefern hilft Ihnen dies, die Anforderungen der Arbeit in Pfarrei und Seelsorge nachzuvollziehen – und Tipps zu geben?
Als Journalist habe ich den Blick von aussen. Aus Recherchen und Gesprächen mit Seelsorgerinnen und kirchlichen Mitarbeitern kenne ich die Dynamiken in Pfarreien und Bistümern, die Erwartungen der Gläubigen und die Herausforderungen der Zusammenarbeit mit Freiwilligen. Dadurch kann ich Methoden so vermitteln, dass sie im kirchlichen Alltag wirklich anwendbar sind. Und ich weise gerne auf die Spiritualität als wertvolle Ressource bei der Stressprävention hin.

Norbert Bischofberger ist promovierter Theologe, Journalist, Familienvater und freiberuflich als Moderator, Referent, Coach SCA und Betrieblicher Mentor tätig. In einem Teilzeitpensum arbeitet er als Redaktor und Teamcoach bei Schweizer Radio und Fernsehen SRF. www.norbertbischofberger.ch