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Vision einer Gesellschaft ohne Rassismus

Angélique Beldner erzählte in der City-Kirche Zug anlässlich einer Lesung aus ihrem neuen Buch von ihren Erfahrungen mit ihrer Herkunft. «Wir sagen nicht nur, dass alle Menschen gleichwertig sind, sondern wir werden es auch leben.» Diese Hoffnung äusserte die Journalistin, Moderatorin und Buchautorin ganz am Schluss ihrer Lesung. Rassismus sei nicht individuell, sondern in unserer Gesellschaft immer präsent, auch wenn ihn viele Menschen nicht wahrhaben wollen.

Angélique Beldner las in der Cit-Kirche Zug aus ihrem Buch vor. Foto: zVg

Angélique Beldner, 1976 als Kind einer weissen Mutter und eines schwarzen Vaters geboren, blickt in ihrem Buch «Rassismus im Rückspiegel» auf ihre persönlichen Erfahrungen mit Rassismus zurück. Sie verbindet das Erlebte aber immer auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung der Schweiz in dieser Zeit.

Dazu eine Geschichte aus den 80er-Jahren, als Angélique Beldner ihren Grossvater sonntags in die Kirche begleitete. Ein Mädchen in ihrem Alter starrte sie immer wieder an und hatte sie offenbar vermisst, da Angélique nicht jeden Sonntag den Gottesdienst besuchte. Denn an einem Sonntag kam die Frage: «Ich habe letzten Sonntag auf dich gewartet. Ich habe mich schon gefragt, ob du vielleicht wieder gegangen bist.» «Wohin gegangen?» «Nach Hause», sagte sie, und dann weiter: «Willst du meine Freundin sein?» Angélique schluckte leer und fragte zurück: «Wir kennen uns doch gar nicht, weshalb willst du meine Freundin sein?» Die Antwort des Mädchens: «Weil meine Mutter gesagt hat, dass man jeden Tag etwas Gutes tun soll.»

Das Mädchen sagte darauf, sie habe es ja nur gut gemeint. Kein offensichtlicher oder aggressiver Rassismus, sondern einfach der Ausdruck von Stereotypen aus der Kolonialzeit, die tief verwurzelt sind und subtil eine Überheblichkeit zum Ausdruck bringen. Ins gleiche Schema passt auch eine mit dunkler Hautfarbe dargestellte Person auf dem Kässeli, die brav nickte, wenn jemand ein Geldstück für die Missionierung der armen Menschen in Afrika spendete und in den Schlitz schob.

Kein Fremdenhass, aber...

Die Autorin reflektiert in ihrem Buch auch zunehmende Fremdenfeindlichkeit. Sie zitiert aus Kommentaren in Leserbriefen und Online-Foren: «Unser Land ist nicht mehr ein Land der Schweizer, sondern ein Völkergemisch aller Rassen… Ich bin keine Fremdenhasserin, aber es hat eben alles seine Grenzen.» Ausgrenzung ist nicht laut, sondern ein schleichender Prozess, der auf Vorurteilen basiert und dessen Überwindung viel mit unserem unbewussten Handeln zu tun hat. Ein Beispiel aus dem Alltag: Wo setzen wir uns im Bus oder im Zug hin? Neben eine «person of colour», oder suchen wir ein anderes Abteil?

Beispiele für Alltags-Rassismus finden sich in Beldners Buch viele – aus ihrer Kindheit oder auch aus jüngerer Vergangenheit. Diese hat Beldner damals nicht als rassistisch wahrgenommen oder wahrnehmen wollen. Sie wollte in der Schweiz dazugehören. Entsprechend reagierte sie anfangs der 90er -Jahre, als sie auf der Strasse als «Sista» angesprochen wurde. «Sista, you’re black. You’re one of us.» Beldners Antwort: «I’m not.» Ihre Erklärung: «Ich wollte nicht zu denen gezählt werden, die als ‘die Anderen’ wahrgenommen werden. Heute werde ihr warm ums Herz, wenn sie von einer Schwarzen Person als «Schwester» angesprochen werde.

Hinschauen und reagieren

Beldner plädiert für eine Haltung des Hinschauens, Hinhörens und Reagierens. Sie, die selber kaum offenen Rassismus erlebte – «dafür bin ich wohl zu prominent» – aber sich immer stärker des versteckten Rassismus bewusst wurde. Früher hatte sie geglaubt und danach gelebt, «dass es das Beste sei, darüber zu schweigen». Beldners Botschaft ist eine andere: «Rassismus gedeiht da, wo er geleugnet wird», zitiert sie Doudou Diène, ehemaliger UNO-Sonderberichterstatter gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Oder Martin Luther King: «Am Ende werden wir uns nicht an die Worte unserer Feinde erinnern, sondern an das Schweigen unserer Freunde.» Der Kampf gegen Rassismus ist eine Daueraufgabe für uns alle.