25 Jahre sind seit den Terroranschlägen 9/11 in den USA vergangen. Ebenfalls 25 Jahre her ist das Zuger Attentat, das nur zwei Wochen später die Schweiz erschütterte. Die «English Theatre Group of Zug» greift die beiden Tragödien mit viel Fingerspitzengefühl in einem musikalischen Projekt auf. Es geht um Menschlichkeit und Hoffnung – und die Erfahrung, dass wir selbst in den dunkelsten Momenten ein Licht für andere sein können.
«Das Foto, das ich niemals schiessen wollte»: Ein Bild, das etwas Schreckliches zeigt – zu erschütternd, um es in Worte zu fassen. Das Foto aber macht die Tragödie real: den Rauch, die Flammen, die einstürzenden Gebäude. 11. September 2001, New York, Manhattan. Einmal kurz auf den Auslöser der Kamera gedrückt. Die Aufnahme sollte um die Welt gehen.
Für das Foto der einstürzenden Zwillingstürmen des World Trade Centers wurde die junge Frau hinter der Linse später von der Weltpresse ausgezeichnet. Von ihren widersprüchlichen Gefühlen darüber erzählt der Song «To Take a Picture». Mit dem Lied hat für Kate Michaels ein aussergewöhnliches Projekt seinen Lauf genommen.
25 Jahre später: ein Meilenstein
Kate Michaels, Sängerin, Schauspielerin und künstlerische Leiterin der «English Theatre Group of Zug» (ETGZ) stösst auf den Song, als sie sich Gedanken zum 25. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 macht. Als amerikanisch-schweizerische Doppelbürgerin ist es ihr wichtig, an diesem Tag innezuhalten und diesen bewusst zu begehen. «Fünfundzwanzig Jahre fühlen sich an wie ein wichtiger Meilenstein», erzählt sie. Wo war ich damals? Wo stehe ich heute? Solche Fragen beschäftigen sie. Als sie das Lied über die Fotojournalistin hört, geschrieben von einer amerikanischen Musical-Komponistin, ist ihr klar: Dieses Werk möchte sie auch einem Schweizer Publikum näherbringen.
Aus der ersten Idee für einen kleinen Gedenkabend mit dem Zug Show Choir, bei dem Michaels als Co-Direktorin wirkt, wird schnell ein viel grösseres Projekt. Nicht zuletzt, weil auch das Attentat auf das Zuger Kantonsparlament ebenfalls 25 Jahre her ist – es ereignete sich nur zwei Wochen nach den Terroranschlägen 9/11. «Als uns dies im Vorstand der Theatergruppe bewusst wurde, änderte das alles», erzählt Kate Michaels: «Von diesem Moment an ging es nicht mehr einfach darum, an zwei tragische Ereignisse zu erinnern. Es ging darum, wie Menschen darauf reagiert haben – mit Mitgefühl, Mut, Menschlichkeit und Hoffnung.»

Kirche als Bühne – eine Premiere
Entstanden ist ein rund einstündiges, vielseitiges musikalisches Programm, das am 11. September einmalig in der St. Johanneskirche Zug zu sehen sein wird. Das Konzert «Light we carry forward» verbindet Musik, Schauspiel, Chorgesang, Poesie und gesprochene Texte.
Ganz bewusst hat Kate Michaels als künstlerische Leiterin des Projekts ein Gotteshaus als Bühne gewählt. Sowohl für die englischsprachige Theatergruppe als auch für den Zug Show Choir ist dies eine Premiere. Die Atmosphäre in der Kirche St. Johannes sei schlicht etwas ganz Besonderes, begründet Michaels: «Sie lädt Menschen nicht nur zum Zuhören ein, sondern regt auch zum Innehalten und Nachdenken an.» Die Kirche strahle genau das aus, wonach sie für das Konzert gesucht habe: Frieden, Hoffnung, Gemeinschaft und Raum für Reflexion.
Die Kraft der Stille
Die Gruppe werde den Altarraum als schlichte Spielfläche nutzen, führt Michaels weiter aus: «Musik, gesprochene Texte und Poesie sollen im Mittelpunkt stehen. Es wird keine aufwendigen Inszenierungen oder Choreografie geben. Stattdessen hoffen wir, dass die Schönheit der Kirche und die Ehrlichkeit der Darbietungen eine Atmosphäre der Besinnung und des Friedens entstehen lassen.» Inspiriert hätten sie hierbei auch die Gedanken von Bernhard Lenfers, dem Gemeindeleiter von St. Johannes, über die Kraft der Stille und menschliche Verbundenheit.
Überhaupt, Menschlichkeit: Dieses Motiv ist ein zentrales Thema von «The Light we carry forward». «Indem wir die Geschichten von New York und Zug miteinander verbinden, möchten wir daran erinnern, dass Menschen selbst in den dunkelsten Momenten zu Mut und Hoffnung fähig sind, dass wir einander tragen und helfen können», schildert Michaels. Sie betont: «In jeder Krise sind es ganz gewöhnliche Menschen, die einander helfen. Wir müssen keine Heldinnen oder Helden sein. Es genügt, wahrzunehmen, wenn jemand ein freundliches Wort, Unterstützung oder Mitgefühl braucht. Manchmal sind wir diejenigen, die Hilfe schenken, und manchmal sind wir jene, die sie brauchen. Beides gehört zum Menschsein.»
Musik heilt und tröstet
Das Projekt hat für Michaels ganz klar eine spirituelle Dimension – nicht nur, weil es in einem Gotteshaus spielen wird. «Ich habe immer geglaubt, dass Musik in unserem Inneren etwas bewegen kann. Sie kann trösten, heilen und unsere Herzen öffnen», führt sie aus. «Wenn ein Konzert dazu beitragen kann, dass Menschen den Abend mit etwas mehr Gelassenheit oder Hoffnung verlassen, dann ist für mich etwas Spirituelles geschehen.»
Aktuell proben alle Musikerinnen und Musiker, Chöre, Theatergruppen, Sprecherinnen und Sprecher sowie Gastkünstler und weitere Mitwirkende ihren Teil der Show noch selbstständig, erzählt Michaels. Erst rund zwei Wochen vor dem Auftritt kommen alle zusammen, um die Beiträge zu einem musikalischen Ganzen zusammenzufügen und auch in der Kirche zu proben. «Das sind für mich immer die schönsten Proben, weil aus vielen einzelnen Bausteinen plötzlich eine gemeinsame Geschichte entsteht», schildert sie.
Zuvor arbeite jeder mit grossem Engagement an seinem Teil und wisse: «Gemeinsam schaffen wir etwas, das grösser ist als jeder einzelne Auftritt.» Ein besonders berührender Beitrag wird von der Zuger Schauspielerin, Sängerin, Autorin und Regisseurin Isabelle Flachsmann kommen: Am 11. September 2001 feierte sie in New York ihr Broadway-Debüt, als die Anschläge geschahen. Nur zwei Wochen später kehrte sie nach Zug zurück, nachdem ihr Vater beim Zuger Attentat ums Leben gekommen war. «Kaum jemand hat wohl beide Erlebnisse so unmittelbar erlebt wie sie», sagt Kate Michaels. Ihr Mitwirken am Projekt verbinde die Geschichten von New York und Zug auf eine sehr persönliche und menschliche Weise.
Die richtigen Worte finden
Zwei so weitreichende Tragödien als Thema aufzugreifen – hatte sie davor auch Respekt? Durchaus, sagt Kate Michaels, und hält kurz inne. Der Inhalt des Projekts sei ein sensibles Thema und bis heute für viele sehr persönlich. «Die grösste Herausforderung bestand darin, die richtigen Worte zu finden.» Von Anfang an sei klar gewesen, dass der Abend kein politisches Ereignis werden sollte. «Wir stellten uns immer wieder die Frage: Wir können wir so darüber sprechen, dass es respektvoll, hoffnungsvoll und menschlich bleibt?» Das klinge simpel, doch es habe Monate gedauert, bis sie und ihr Team darauf Antworten gefunden hätten. Allein der Name des Projekts habe sie lange nicht zufriedengestellt. Erst mit dem Gedicht einer Zuger Lehrerin, das genau jenen Titel trug, fand sie auch die passende Überschrift für ihr Konzert: «Light we carry forward» betone die menschlichen Aspekte wie Mut, gegenseitige Hilfe und Empathie, die den Betroffenen in dieser Zeit Halt gaben. Um dieses Licht sollte es gehen, nicht um den Horror der Attentate.
Auch Michaels, ausgebildete Opern- und Musicalsängerin, wird am Mikrofon zu hören sein – mit dem eingangs geschilderten Song über das Foto, das eine junge Fotografin nie schiessen wollte. «Ein wunderschönes und tief bewegendes Werk», sagt sie. «Ich freue mich sehr darauf, es mit dem Publikum in St. Johannes zu teilen.» Das Gesamtprojekt wird einmalig am 11. September aufgeführt.
«Light We Carry Forward»: Fr, 11. Sept., 19 Uhr, Kirche St. Johannes, Zug. Eintritt frei - Kollekte.
Hinweis: In der gedruckten Ausgabe des Pfarreiblatts war für die Aufführung das Datum 11. September zwar korrekt, irrtümlich jedoch Samstag statt Freitag vermerkt. Wir bitten um Nachsicht.