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Wenn Leo Programm ist…

Der Name des neuen Papstes weckt Erinnerungen und zeigt, dass die Kirche sich politisch versteht.

Der Theologe und Sozialethiker Thomas Wallimann-Sasaki leitet das Institut «ethik22». Foto: zVg

Schnell machte der neue Papst Leo XIV deutlich, dass er sich durch seine Namenwahl in der Nachfolge Leo XIII sieht. Dieser gilt gemeinhin als Begründer der (modernen) Katholischen Soziallehre. 1891 veröffentlicht er die Enzyklika «Rerum novarum» - Zu den neuen Dingen. Adressiert an die höheren Kleriker nimmt der Papst erstmals offiziell Stellung zur sog. «sozialen Frage». Ein starkes Bevölkerungswachstum und ein in vielen Bereichen ungebremster Kapitalismus, der Arbeit (und auch Arbeitende) wie eine Ware betrachtet, prägt das 19. Jh. Seit den 1820er Jahren engagieren sich kirchliche Kreise vor Ort und lindern die grössten Nöte, gleichzeitig setzen sie sich auch mit den theoretischen Grundlagen hinter diesem Kapitalismus auseinander.

Zunehmend unter Druck

Die Kirchenführung sieht lange keinen Grund, sich zu diesen Entwicklungen zu äussern, denn viele denken, dass sich die Not vor Ort mit caritativen Angeboten lindern lasse. Doch gleichzeitig entwickelt sich im Gefolge der Gedankenwelt von Karl Marx die sozialistische Bewegung und kann viele Arbeitende für sich gewinnen. Marx und der Sozialismus kritisieren das System Kapitalismus in aller Schärfe und setzen auf drastische Massnahmen. Auch vor diesem Hintergrund gerät die Kirche immer mehr in Zugzwang. Die Veröffentlichung von Rerum novarum ist darum in erster Linie das Ende eines (innerkirchlichen) Denk- und Entwicklungsprozesses. Rerum novarum bestätigt die Aufbrüche und Denkansätze zu Gesellschaft und Arbeit, die im 19. Jahrhundert im Katholizismus Westeuropas stattfanden.

Abgrenzungen

Wie Marx kritisiert auch Leo XIII die Entwicklung einer Gesellschaft scharf, in der wenige Reiche einer Masse von Besitzlosen ein «sklavenähnliches Joch» auferlegen. Während Marx die Klassenunterschiede für unüberbrückbar hält, sieht Leo das Aufeinander-Angewiesensein der beiden. Er wendet sich jedoch nicht nur in diesem Punkt vom Sozialismus ab. Insbesondere verteidigt Leo XIII das Privateigentum – und verdirbt so die Beziehungen zum Sozialismus. So muss Privateigentum auch für den Arbeiter erreichbar sein, denn es dient dem Wohl des Menschen. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass Eigentum immer auch sozialpflichtig ist: wer hat, ist verpflichtet zum Teilen.

Arbeit ist mehr als Ware

Auch gegen den Kapitalismus grenzt sich Rerum novarum deutlich ab. Arbeit ist mehr als Ware. Sie ist trotz Mühsal Teil des Menschen. Darum müssen die Arbeitenden in ihrer Würde geachtet werden und haben Rechte.

Mehr Staat

Während der Staat damals wenig präsent war, fordert Leo XIII mehr Staatsinterventionen, was hart umstritten war – auch innerkirchlich. Doch für Leo ist klar: Der Staat hat die Pflicht, für das Gemeinwohl zu sorgen, die Würde der Arbeitenden zu schützen und für die Schwächsten zu sorgen, damit es allen gut geht.

Ermunterung zur Selbsthilfe

Angesichts der Nöte in der Arbeitswelt ermutigt Leo XIII die Arbeitenden, sich zusammenzuschliessen und vor Ort für gerechtere Verhältnisse zu kämpfen. Waren diese Arbeitervereine zu Beginn noch von einem Priester zu leiten, entwickeln sich bald neue Formen und die Arbeitenden organisieren sich selber. So wurde 1899 die KAB, Katholische Arbeiterbewegung, gegründet und von dieser nur eine Woche später eine Krankenkasse, die heutige CSS, aber auch die christlichen Gewerkschaften, heute unter dem Dachverband von Travail.Suisse vereinigt, gehen auf diese Anregung von Rerum novarum zurück.

…und heute?

«Die Kluft zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden ist seither gewachsen.» sagt der ehemalige Chef der Schweizerischen Nationalbank, Philipp Hildebrand, am 24. Juni in der NZZ. Die soziale Frage hat im Gefolge der Globalisierung und multinationaler Grosskonzerne eine neue – weltweite – Dimension angenommen. Auch bei uns wird die Ungleichheit grösser – etwa mit Blick auf Wohnraum, Einkommen und Vermögen. Neue Formen der «Unterjochung» drücken die Menschen – Social media, Datensicherheit und Privatsphäre, Zuverlässigkeit von Informationen, multinationale Konzerne und zunehmend autokratische Regimes auch im Westen sowie Kriege in der Welt. All diese Entwicklungen sind überlagert von der Klimakrise und den Herausforderungen der sog. «künstlichen Intelligenz».

Was wird Leo XIV tun?

Bereits zeigte Leo XIV den Mut, sich autokratisch gebärdenden Führungsmännern entgegenzutreten – auch katholischen. Ebenfalls hat er KI wie auch den Frieden als grosse Herausforderung thematisiert und die Rolle der Staaten als entscheidend für ein globales Gemeinwohl benannt. Er wird sich darum bei all jenen in Politik und Wirtschaft, die nach uneingeschränkter Macht drängen, sich aufs Eigene zurückziehen oder die Menschen als Mittel zum Zweck betrachten, schnell unbeliebt machen. Will er seinem Namenvorgänger in Fragen der Soziallehre nacheifern (in anderen Bereichen macht er das besser nicht), dann tut er gut daran, die Menschen vor Ort wie auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Entwicklungen schnell und möglichst umfassend in seine Urteilsbildung einzubeziehen.

Nicht ohne uns

Leo XIV wird ein politischer Papst sein. Als Führungsperson einer weltweiten Kirche, die infolge ihrer Missbrauchsskandale massivst an Glaubwürdigkeit verloren hat, kann er nur durch Echtheit und Aufrichtigkeit punkten. Anders als Leo XIII wird er wohl nicht nur daran gemessen werden, was er für die Welt tut, sondern ob es ihm auch gelingt, die Prinzipien der Soziallehre im Innern der Katholischen Kirche umzusetzen. Was die «politische» Wirkung von Leo XIV angeht, dann kann er seinem Namen nur gerecht werden, wenn auch wir uns dafür einsetzen, was «Leo» heute bedeuten kann. Denn Leo XIII wäre nicht so geworden, wenn nicht Arbeitende, Kirchenmenschen und Wissenschaftlerinnen – eben wir alle - mitgedacht, -gearbeitet und Druck gemacht hätten

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