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Wie die alten Baarer ihre Freiheit erlangten

Die Gemeinde Baar kaufte 1526 vom Kloster Kappel den Kirchensatz mit allen dazu gehörigen Rechten und Einnahmen. Damit machten sich die Baarer unabhängig vom Kloster, das sich im Zuge der Reformation in Auflösung befand. Die Baarer durften fortan ihren Pfarrer selber wählen und den Kirchenzehnt einziehen. Das verlieh dem Selbstbewusstsein der Gemeinde einen kräftigen Schub.

Loskauf-Urkunde von 1526. Foto: Andreas Busslinger
Loskauf-Urkunde von 1526. Foto: Andreas Busslinger

Die Gemeinde Baar kaufte 1526 den Kirchensatz der Pfarrkirche St. Martin für 3000 Gulden vom Kloster Kappel. Damit erhielt die Gemeinde vier Widemhöfe sowie das Recht, Zehntabgaben in Baar, Blickensdorf, Inwil, Büessikon, Notikon, Deinikon, Tann und Früeberg einzuziehen. Ein Widum war ein Bauernhof, der dazu diente, den Lebensunterhalt eines Priesters zu bestreiten. Vor allem aber erwarben die Baarer das Recht, ihren Pfarrer selber zu wählen. Sie waren von nun an aber auch allein für den baulichen Unterhalt der Kirche verantwortlich.

Wie war das Kloster Kappel zum Baarer Kirchensatz gekommen?

Das Patronat der Kirche von Baar war Mitte des 13. Jahrhunderts in den Besitz des Klosters Kappel gelangt. Das junge Kloster befand sich noch im Aufbau und suchte dringend nach neuen Einnahmequellen. In einer politischen Intrige gelang es dem Kloster, die Interessen verschiedener Adelsfamilien gegeneinander auszuspielen. Mit gefälschten Urkunden, die erfundene Rechtsansprüche und Besitztitel vorgaben, setzte das Kloster seinen Anspruch schliesslich durch. In der Inkorporationsurkunde von 1255 bestätigte der Papst offiziell, dass das Kloster das Patronat der Kirche von Baar nun rechtmässig besass.

Wie wirkte sich das aus?

Mit dem Patronat der Kirche von Baar, übernahm das Kloster Kappel die Verantwortung für die Seelsorge für die Baarerinnen und Baarer sowie für den baulichen Unterhalt der Kirche. Die Beziehung zwischen dem Kloster und den Leuten von Baar entwickelte sich aber nicht zu einer Liebesgeschichte. Die Zehnteinnahmen und die Erträge der Widumhöfe zog das Kloster gerne ein. Die mit dem Patronat verbundenen Verpflichtungen versuchte es aber mit möglichst geringem Aufwand wahrzunehmen.

Um die Kosten niedrig zu halten, beauftragte das Kloster den von ihm bestimmten Pfarrer von Baar auch in Steinhausen, in Hausen, in Rossau und in Menzingen die Messe zu lesen. Dafür erhielt dieser einen Pfarrhelfer, einen angehenden Priester, einen Laienhelfer und ein Reitpferd gestellt. Da dies nirgends hinreichte, waren die Baarer mit ihrem Pfarrer unzufrieden und die Leute in den umliegenden Dörfern auch. Dies sorgte fortwährend für schwere Spannungen mit dem Kloster.

Schwierig war die Situation zusätzlich, da einige der von Kappel eingesetzten Pfarrer andere Interessen als die Seelsorge in den Brennpunkt setzten. Heinrich von Ure etwa, Pfarrer in Baar von 1404 bis 1411, kaufte in Inwil einen Weinberg nach dem anderen. Sein Sinn lag offensichtlich nicht primär bei seiner Funktion als Seelsorger, sondern vielmehr beim Weinbau.

Auch der bauliche Kirchenunterhalt sorgte für ständige Diskussionen. Schon 1462 zankten sich die Baarer mit dem Kloster, weil sie diesem vorwarfen, den Unterhalt des Kirchendachs zu vernachlässigen. In einem dokumentierten Streit von 1511 verteidigte sich der Abt, dass er Knechte zur Reparatur aufgeboten habe. Diese hätten sich aber nicht aufs Dach gewagt, da die Balken des Dachstocks morsch seien. Und die Instandstellung des Dachstocks sei Sache der Gemeinde. Zudem würden immer wieder Lausbuben auf den Turm steigen, um Steine aufs Dach hinunter zu werfen, was die Ziegel immer wieder aufs Neue beschädige.

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Das Kloster Kappel am Albis. Foto: Andreas Busslinger

Was geschah um die Reformation herum?

Etwa 1522 begann Huldrych Zwingli sein reformatorisches Wirken in Zürich. Ab dieser Zeit kam es zunehmend zu Spannungen mit den Orten der Innerschweiz, die am alten Glauben festhielten. In der Zeit der Reformation kam es immer wieder vor, dass Baarer Bauern, die auf dem Markt in Zürich ein Rind verkauft hatten, im Wirtshaus mit Zürchern in Streit gerieten. Ein wichtiger Streitpunkt war dabei der Glaube. Immer wieder fielen in Wortgefechten Schmähungen und Beleidigungen, die auf unterschiedlichen religiösen Vorstellungen fussten. Die in Gerichtsakten überlieferten Streitigkeiten endeten oft handfest und ein Baarer Bauer landete am Ende in Zürich im Turm.

Das Kloster stand unter starkem Einfluss der Entwicklung in der Stadt Zürich. Am 4. September 1525 stellten die Mönche in Kappel die heilige Messe ein, am 29. März 1526, dem Karfreitag, feierten sie erstmals das Abendmahl nach reformierter Vorstellung. Damit hatte das Kloster faktisch aufgehört zu existieren, war aber formalrechtlich immer noch für die Pfarrstelle in Baar zuständig. Das war für die Baarer eine unmögliche Situation, aber auch für die für das Kloster verantwortliche Stadt Zürich kein akzeptabler Zustand. Daher handelte man den Loskauf der Kirche Baar vom Kloster Kappel aus.

Wie wirkte sich der Freikauf aus?

Der Loskauf war für die Baarer ein Befreiungsschlag. Die jahrzehntelang schwelenden Konflikte mit dem Kloster hatten sich dadurch auf einen Schlag erledigt und man konnte sich vom reformierten Zürich lösen.
Dem Baarer Selbstverständnis verlieh diese Befreiung vom Kloster einen veritablen Schub. Die Baarer konnten nun endlich ihren Pfarrer selber wählen und festlegen, wie oft er die Messe zu lesen hatte.

1526 liessen die Baarerinnen und Baarer eine Turmuhr bauen. Es ist heute die älteste noch funktionierende Turmuhr der Schweiz. Man kann davon ausgehen, dass die Bedingungen des Loskaufs wohl während Wochen und Monaten ausgehandelt wurden und hohe Kosten auslösten. Da ist es doch erstaunlich, dass praktisch gleichzeitig eine so kostbare und symbolhafte Investition wie der Kauf einer Turmuhr geplant und getätigt wurde. In der Turmuhr manifestiert sich das Baarer Selbstverständnis dieser Zeit.

Uhrwerk im Turm der Baarer St. Martinskirche. Foto: Andreas Busslinger

Den Dachstock, der jahrzehntelang Konfliktstoff mit dem Kloster Kappel geboten hatte, richtete man 1557 neu auf. Dabei leistete man sich ein genial konstruiertes und sehr aufwändiges Bauprojekt, das aber die Frage des Dachunterhalts nachhaltig löste. Die komplexe Konstruktionsweise des Dachstocks gestattete später die Entfernung der Säulenreihen aus dem Kirchenschiff, da die Kräfte des Kirchendachs nun über die Seitenwände abgeleitet werden konnten. Mit dem Bau des neuen Dachstocks wurde also die Grundlage für die spätere Barockisierung des Kircheninnenraums gelegt.

Der Chor der Pfarrkirche wurde 1581 neu ausgemalt. Die Kirche war im zweiten Kappeler Krieg von Berner Truppen beschädigt worden. Vielleicht diente die Übermalung der alten Chorbilder der Beseitigung dieser Schäden. Mit Sicherheit kann man jedoch sagen, dass sich die Baarer nach dem Loskauf von 1526 mindestens in jeder Generation einmal ein kostenträchtiges Prestigeprojekt geleistet haben. In diesen Investitionen in die Pfarrkirche spiegeln sich der Wohlstand der Gemeinde im 16. Jahrhundert aber auch der Stolz darauf, den Kirchenunterhalt in die eigenen Hände bekommen zu haben.

Der kunstvolle Dachstock der Pfarrkirche St. Martin. Foto: Andreas Busslinger