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Winzer zu werden, war einst sein «Plan B»

Was haben die Kirche und die Arbeit im Weinberg gemeinsam? Sehr vieles, findet Christian Kelter. Der Leiter der Pfarrei Hünenberg und des Pastoralraums Zug Lorze baut als Hobby pilzresistente Rebsorten an. Ein neues Buch über Zuger Weine zeigt ihn nun bei der Arbeit im Rebberg.

Christian Kelter und Xaver Werder
Christian Kelter und Xaver Werder verbindet eine langjährige Freundschaft und ihr Weinprojekt "6331". Foto: Andreas Busslinger

Es gibt diesen Spruch aus Christian Kelters Studienzeit, der ihm bis heute präsent ist: «Wenn das mit dem Theologiestudium schiefgehen sollte, werde ich entweder Winzer oder ich eröffne eine Bar.»
Gleich beides hat sich für Christian Kelter bewahrheitet: Seit vier Jahren baut er in Hünenberg als Hobbywinzer mit einem Kumpel vier Traubensorten an. Fast zeitgleich öffnete die Cafébar Maihölzli, die zu seiner Pfarrei Heilig Geist gehört, ihre Türen. Und auch aus seinem Theologiestudium ist etwas geworden: Seit rund 20 Jahren ist Kelter Diakon in Hünenberg, mittlerweile leitet er die dortige Pfarrei und steht dem Pastoralraum Zug Lorze als Leiter vor.

Dass der Pfarreileiter neben seinem Alltag als Seelsorger Wein anbaut, davon erzählt seit Kurzem auch das 224-seitige Buch «Weinkultur am Zugersee» (siehe Box). Christian Kelter gehört zu den Weinbauern und Hobbywinzern, die kantonsweit zehn Hektaren Rebland bewirtschaften. 25 Aren davon haben Kelter und sein langjähriger Bekannter Xaver Wer der vor vier Jahren gepachtet – und damit ein Experiment gewagt. Doch dazu später.

Umringt von Reben

Weinbau als Hobby wurde Christian Kelter wohl ein Stück weit in die Wiege gelegt. Sein Elternhaus im Ahrtal, einem Rotweingebiet im Westen Deutschlands, war an drei Seiten von Rebbergen umgeben. «Ich bin sozusagen umringt von Reben gross geworden», erzählt er. Selber baute seine Familie zwar keine Rebstöcke an, doch Wein war stets das vorherrschende Kulturgut in der Region, erinnert er sich. Diese Verbundenheit mit Weinreben führte vermutlich unbewusst dazu, dass Kelter viele Jahre später auf der Wiese vor seinem Bürofenster in der Pfarrei Hünenberg in einem Gemeinschaftsprojekt seine ersten Rebsorten anpflanzte. Ursprünglich wuchsen dort Obstbäume, doch nach dem Tod des damaligen Pfarrers tat sich die Frage auf: Was geschieht mit dem Garten? 160 Rebstöcke zog Kelter mit ein paar Kollegen heran, «keine grosse Sache», zeigt er sich bescheiden.

Zu seinem eigentlichen Rebberg neben der schmucken Weinrebenkapelle – sie heisst tat sächlich so – kam der 56-Jährige erst nach diesen ersten «Gehversuchen» als Winzer. Besagter Rebberg unterhalb der Kapelle hat eine fast 500-jährige Geschichte. Er wurde verkauft und gekauft, genutzt und wieder umgenutzt, aber immer entwickelten die dortigen Winzer den Rebbau weiter.

Kapelle mit Rebberg in Hünenberg
Unterhalb der schmucken Kapelle in Hünenberg liegt der Rebberg, den Christian Kelter und Xaver Werder bewirtschaften. Foto: Andreas Busslinger

Mutprobe mit neuen Sorten

Irgendwann in dieser langen Geschichte wurde der Rebberg im Besitz der politischen Gemeinde Hünenberg zunehmend defizitär. «Die damaligen Reben war sehr anfällig für Pilzkrankheiten», weiss Kelter. In der Folge wollte die Gemeinde den Rebberg nicht mehr bewirtschaften. Das war der Moment, in dem Kelter und sein Kollege Xaver Werder ihr Projekt mit dem «6331 Wein» ins Rollen brach ten. Sie legten der Gemeinde ein neues Konzept vor mit pilzwiderstandsfähigen Sorten. «Sogenannte Neuzüchtungen, die man rein biologisch bewirtschaften kann», erklärt Kelter. 2022 unterschrieb er mit Werder den Pachtvertrag für den schmucken Hünenberger Rebberg. Ein kleines Wagnis – «denn der klassische Weinkunde ist eher ein wenig konservativ», sagt Kelter schmunzelnd. Zu zeigen, dass auch neue, biologische Sorten schmackhaft seien, war die grosse Herausforderung.

Doch der Mut der beiden Hobbywinzer wurde belohnt: Mittlerweile wachsen vier Traubensorten auf ihrem Rebberg – drei weisse, eine rote. Und gerade konnten sie 1200 frisch abgefüllte Flaschen in der Kelterei abholen. «Eine Flasche pro Rebstock», so die grobe Rechnung, erklärt Kelter. Die Flaschen vom eigenen Wein entgegenzunehmen, sei jedes Mal ein besonderer Moment, erzählt der Hünenberger Diakon. Auch das Anstossen mit dem ersten Glas sei ein kleines Highlight – obschon er und sein Teamkollege den Wein schon im Vorfeld «ab Fass» probieren dürfen.

Neues wagen – und vertrauen

Die Arbeit im Weinberg am Wochenende oder an den Abenden ist für Christian Kelter ein schöner Ausgleich zur Arbeit in der Pfarrei, gerade zum Alltag im Büro. Gleichzeitig sieht er zwischen beiden Aufgaben viele Parallelen. «Es geht nicht so weiter wie bis anhin», ist eine davon. Im Weinbau sei dies bedingt durch klimatische Veränderungen, in der Kirche durch gesellschaftliche. Man müsse also auf neue Ideen setzen – und viel Geduld mitbringen. «Die Dinge müssen wachsen», sagt er: «Im Weinbau im wahrsten Sinne des Wortes, im übertragenen Sinne auch in der Kirche.» Beiderorts gehöre es dazu, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Aber auch, zu wissen: «Wir dürfen darauf vertrauen, dass Neues gedeiht – und dass es gut kommt.»

Christian Kelter bei der Ernte
Christian Kelter bei der Traubenernte und bald...
Die Hünenberger Weine "6331"
... beim Geniessen der erlesenen Hünenberger «6331 Weine». Fotos: Andreas Busslinger