zurück zur Übersicht

Ein offenes Ohr für jene, die Hilfe brauchen

Was bedeutet Diakonie in der heutigen Zeit? Viel mehr als nur, anderen zu helfen, sagt Stefan Horvath, Leiter des Sozial- und Beratungsdiensts St. Martin in Baar. Vor dem Diakoniesonntag erzählt er aus seinem Alltag – und sagt, warum Hilfesuchende sich oft erst im letzten Moment melden.

Stefan Horvath ist Leiter des Sozial- und Beratungsdiensts St. Martin in Baar und hat für alle ein offenes Ohr. Foto: Ramona Nock

Wer bei Stefan Horvath an die Tür klopft, findet einen Zuhörer, der Zeit hat – «Zeit und ein offenes Ohr». Das sei schon einmal das Wichtigste, nimmt der Leiter des Sozial- und Beratungsdienstes der Pfarrei St. Martin in Baar vorweg. Ebenso bedeutend für die Hilfesuchenden: Was hier besprochen wird, verlässt den Raum nicht – es sei denn, Horvath muss sich für die Unterstützung mit weiteren Fachstellen vernetzen. Dann geben die betroffenen Personen aber vorab ihr Einverständnis.

Zu Stefan Horvath kommen die Menschen mit ganz unterschiedlichen Anliegen: Häufig leben sie am Existenzminimum, sind arbeits- oder sogar obdachlos. Auch Suchtprobleme, Schulden, persönliche Lebenskrisen, Beziehungs- oder familiäre Probleme kommen in seinen Beratungen zur Sprache. Weitere Schlagworte sind Begleitung von Menschen am Lebensende, Unterstützung von Geflüchteten, von älteren und pflegebedürftigen Menschen sowie Hilfe für Personen mit einem Handicap. «Die Themen sind mannigfaltig und sehr unterschiedlich», fasst Horvath zusammen.

Hilfesuchende vernetzen

Für ein Erstgespräch hält sich Horvath gerne eine bis anderthalb Stunden frei. Es kommt aber auch vor, dass Menschen ohne Termin vor seiner Tür stehen. Auch dann versucht er, sich Zeit zu nehmen oder zeitnah einen Termin zu finden. Manchmal begleitet er Hilfesuchende über Monate hinweg, manchmal kann er sie schon nach einem Gespräch mit weiteren Fachleuten und Anlaufstellen in Kontakt bringen, die danach übernehmen. Die Menschen zu vernetzen, ist ein wichtiger Teil seiner Arbeit.

Häufig erlebt er, dass Menschen erst zu ihm gelangen, «wenn ihnen das Wasser schon bis zum Hals steht», sagt der ausgebildete Paar- und Familientherapeut. Etwa, wenn sie hoch verschuldet sind oder bereits verschiedene Stationen wie das Sozialamt durchlaufen haben und nicht mehr weiter wissen. Scham spielt eine zentrale Rolle. Je komplexer und verstrickter eine Situation bereits ist, desto schwieriger wird es auch für ihn, zu helfen – «denn auch ich kann nicht zaubern», sagt Horvath. Grundsätzlich sei sein Ziel stets, Hilfe zur Selbsthilfe anzuregen. Dazu brauche es vonseiten seines Gegenübers aber die Bereitschaft, an der eigenen Situation etwas verändern zu wollen, schildert er. Schön sind für ihn immer jene Momente, wenn es bei jemandem «Klick macht» und jemand selber erkennt, wie er aus einer schwierigen Situation herauskommen kann.

Notlagen aufzeigen

Horvaths Arbeit fällt ins Ressort Diakonie – ein Stichwort, das jetzt im Herbst wieder aktuell wird: Am 8. November begehen kirchliche und soziale Einrichtungen im Kanton Zug den sogenannten Diakoniesonntag. Der Tag dient den Sozialdiensten und den Landeskirchen als Plattform, um auf Notlagen wie Altersarmut, psychische Belastungen oder Einsamkeit aufmerksam zu machen und für das freiwillige Engagement zu werben. Zudem sammeln die Zuger Pfarreien am Diakoniesonntag in den Gottesdiensten gezielt für regionale und überregionale soziale Hilfswerke oder Non-Profit-Organisationen. Die Kollekte geht dieses Jahr an die Winterhilfe Zug, die armutsbetroffene Familien dabei unterstützt, Freizeitaktivitäten für ihre Kinder zu finanzieren (Details siehe nächste Ausgabe Pfarreiblatt).

Niederschwellig helfen

Für Stefan Horvath bedeutet Diakonie in der heutigen Zeit «soziales Handeln aus christlicher Verantwortung». Dabei gehe es nicht nur darum, anderen zu helfen, sondern auch Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Teilhabe zu fördern. «Kurz gesagt: Diakonie bedeutet heute, niederschwellig Menschen zu helfen, die Unterstützung brauchen – unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Glauben oder ihrer sozialen Situation.»